Geitels Geschichten

Furtwänglers Pianist

Zu Kriegsbeginn - ich war gerade fünfzehn Jahre alt - kaufte ich mir ein Buch mit lauter leeren Seiten, um darin Autogramme zu sammeln. Gerade war ich frischgebackener Abonnent bei den Philharmonikern geworden, und deren Pultstars und Solisten waren nicht nur musikalisch höchst attraktiv, sondern auch leicht zugänglich.

Zum Auftritt unter wem auch immer versammelten sich Dirigenten wie Solisten alle in ein und demselben Künstlerzimmer, von dem aus es am schnellsten aufs Podium ging. Die Künstler, auf die ich es dort abgesehen hatte, widmeten mir eigentlich immer ein paar Augenblicke ihre freundliche Aufmerksamkeit. Am 1. Juni 1942 war das der hochgerühmte französische Pianist Alfred Cortot. Ich weiß das Datum natürlich nur deswegen so genau, weil Cortot selbst es in mein Erinnerungsbuch eintrug.

Cortot spielte damals unter Furtwänglers Leitung Schumanns a-Moll-Konzert, ein Lieblingsstück des Pianisten. Er verstand das Werk aufs berührendste auszukosten. Er hatte von Anbeginn seiner Karriere Schumann verehrt und seine Bewunderung weltweit am Klavier dargelegt.

Jetzt aber, mitten im Krieg, war er aus dem besetzten Frankreich in die Hauptstadt des Feindeslandes eingekehrt und sprach musikalisch von der unzerstörbaren geistigen Eintracht und Gemeinschaft des Abendlands. Berlin war baff! Wenn auch auf gründlich andere Art als die Franzosen. Die fühlten sich von Cortot verraten und stellten ihn nach dem Krieg vor Gericht.

Cortot war immerhin unter Pétains Vichy-Regime in wichtigen Kultur-Positionen Pierre Laval unterstellt. Der aber arbeitete als Ministerpräsident der deutschen Besatzungsmacht in die Hände. Er wurde dafür, nachdem ihn die Amerikaner nach Kriegsende auf der Flucht gefasst und an Frankreich ausgeliefert hatten, zum Tode verurteilt und am 15.Oktober 1945 hingerichtet. Cortot kam sozusagen mit dem Schrecken davon. Man steckte ihn vorübergehend ins Gefängnis, erteilte ihm zunächst Berufsverbot. Gerade auch wegen seiner Deutschland-Tournee unter Furtwängler, bei der ich begeistert zu Gast war.

Erst 1947 wagt sich Cortot aus dem Schweizer Exil - seine Mutter stammte aus der Schweiz - nach Paris zurück. Es setzte ein erstes Konzert in der berühmten Salle Pleyel, aber dort wird Cortot aufs hassvollste niedergebuht. Frankreich will offenkundig nichts mehr von ihm hören. Es bleibt offenbar einzig der Rückzug ins ewige Schweigen, in die Resignation. Überdies ein Abschied von der geliebten Heimat für immer. Alle Zeichen stehen auf Moll.

Aber im Gegensatz zur Musik hat Hass kein Ewigkeitswert - wenn er denn überhaupt einen Wert hat, was zu bezweifeln ist. Zwei Jahre später jedenfalls wird Cortot mit einem Festkonzert anlässlich des 100. Todestages von Chopin aufs liebevollste rehabilitiert. Man breitet ihm sozusagen nachdrücklich den roten Teppich des Verzeihens hin.

Chopin wirkt halt Wunder. Noch immer feiert die Musikwelt den Komponisten anhaltend, wie im Vorjahr seinen 200. Geburtstag. Gab es je wieder einen begnadeten Musiker wie seinerzeit Cortot, den man bei einem solchen festlichen Anlass mit dem Geschenk der Nachsicht entlohnte. Hochgeehrt verstarb der Pianist, bereits jenseits der Achtzig, im Juni 1962 in Lausanne.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern