Dokus über Berliner Grünanlagen

Das Park-im-Film-Syndrom

So leer ist es sonst nie. Auf der Hundewiese findet sich gerade mal ein Herrchen mit Vierbeiner, ab und an radeln ein paar Radfahrer durch die Schneise. Aber wir sind die einzigen weit und breit, die hier spazieren. Kunststück: Es hat ja auch geregnet. Doch wenn einer einen Film über den Mauerpark gedreht hat, dann muss man ihn natürlich hier treffen.

So kommen wir in den sehr seltenen Genuss eines sehr leeren Parks. Immerhin, bemerkt Dennis Karsten wohlwollend, "kaum hat's geregnet, schon ist alles wieder grün."

Karsten muss es wissen. Er ist jetzt so etwas wie ein offizieller Mauerpark-Chronist. Der gebürtige Brüsseler wohnt gleich um die Ecke und hat den Park mit seiner Kamera erforscht. Er weiß genau, wo die Sonnenanbeter sitzen, wo die Musiker spielen und wann die Basketballspieler kommen. "Und eigentlich gibt es ja auch zwei Mauerparks", sagt er: "Die meisten kennen ja nur die Events am Wochenende. Unter der Woche aber ist es viel leerer, da finden sich auch ganz andere Leute."

Ein Berliner Sommermärchen

Der 44-Jährige hat schon einmal in Prenzlauer Berg gewohnt. Damals hat ihn der Park, gibt er zu, aber noch nicht interessiert. Der gesamte Kiez sei da noch viel alternativer gewesen. Nach drei Jahren Kreuzberg zog er dann hierher zurück, das Viertel hatte sich inzwischen rasant verändert. "Jetzt ist der Park hier so was wie die letzte Oase des alternativen Lebens." Durch Zufall hat Karsten sich dann sein Grün entdeckt. Eigentlich ist er ja Regisseur von Werbefilmen und Musikvideos. Doch als er sich eine neue Videokamera erworben hat, wollte er sie gleich ausprobieren - und ging damit nach draußen, in den Park. Nachdem er die ersten Bilder gesehen hatte, war ihm klar: " Das wird ein Film." Es wurde sein Kinodebüt.

Einen ganzen Sommer hat er gedreht, 70 Stunden Material hatte er am Ende. "Es war für mich klar, es sollte ein Sommermärchen bleiben. Hätte ich noch im Herbst und Winter weitergedreht, dann hätte ich auch im nächsten Sommer nicht aufgehört." Wie der Maler aus seinem Film, der im Park sitzt und denselben immer weiter malt, obwohl das Bild längst fertig ist. "Ja, das war so etwas wie eine Warnung für mich."

Es geht ein Geist um in Berlin. Oder eine Art Fieber. Das Park-im-Film-Syndrom. Filme über die Grünflächen der Stadt schießen wie Pilze aus dem Boden. In weniger als einem Jahr sind gleich drei davon ins Kino gekommen, erst Nana A. T. Rebhans "Hasenheide", dann Volker Meyer-Dabischs "Der Adel vom Görli" über den Görlitzer Park, jetzt Karstens "Mauerpark". Alle sind fast zeitgleich und ganz ähnlich entstanden: Die Filmemacher, allesamt Anrainer ihrer Grünfläche, drehten im Alleingang, mit einfacher Ausrüstung. Ohne jede Filmförderung, ohne jede Fernsehsender-Beteiligung. "Das ist fast unerhört", gibt Karsten rückblickend zu. Aber so entstanden eben auch sehr persönliche, sehr eigenwillige Dokumentationen, ohne dass irgendein Redakteur oder Geldgeber hineingequatscht hätte.

In "Hasenheide" ging es Rebhan vor allem darum, den Ruf dieses Problemparks als bloßen Drogenumschlagplatz zu rehabilitieren. Sie entdeckte hier Musiker, Tai-Chisten, Sonnenanbeter, Künstler. "Der Adel von Görli" stellte ein ganz ähnliches Personal im Äquivalent von Kreuzberg '36 vor, sein Titel ist indes etwas ironisch-kritischer, leitet er sich doch vom "blauen" Blut der vielen Alkoholiker vor Ort ab.

"Mauerpark" ist etwas exotischer, internationaler. Denn hier finden sich nicht nur die Anwohner des Kiezes. Der Eventpark fehlt in keinem Stadtführer mehr und zieht viele Touristen an, gerade am Wochenende, wenn hier große Konzerte und Karaoke-Abende das Bild prägen. Karsten hat denn auch eine buntere Mischung an Leuten vor seine Kamera gebracht. Rucksacktouris, die offensichtlich gleich hier übernachten, Künstler aus Israel und Frankreich, Straßenmusiker aus Großbritannien. Aber auch ein paar Prominente.

Kein Gespür für die Historie

Wie Dr. Motte, der hier schon mal für das Fest "Mauerpark ist our park" aufgelegt hat und in dem Sponti-Umfeld dieses Parks den Ursprung der Techno-Generation sieht. Oder der Mann mit den markanten Augenbrauen, der nur "Wladimir" genannt wird, bei dem es sich aber um den "Russendisko"-Autor Kaminer handelt. Der schimpft: Die Koreaner gingen anders mit ihrer Vergangenheit um, die hätten ihre unterirdischen Gänge erhalten und zugänglich gemacht für die Touristen. "Und was machen die Deutschen? Die bauen alles ab, schmeißen die Steine weg und tun so, als sei nie was gewesen."

Damit spielt Kaminer natürlich auch auf das drohende Unheil an, dass der Mauerpark bald bebaut werden soll, dass die Immobilienspekulanten die Parknutzer verdrängen könnten und die Stadt ihr Tafelsilber nur allzu gern verscherbelt, statt sich der historischen Bedeutung des einstigen Mauer-Todesstreifens bewusst zu sein - und ihn für alle zu erhalten. Dieser politische Gehalt gibt "Mauerpark" etwas Kämpferisches, was ihn von den anderen Parkfilmen abhebt. Der Streit um die weitere Nutzung wird ebenfalls dokumentiert, sollte jedoch nicht im Mittelpunkt stehen. Und auf die Frage, wie der Park wohl in fünf Jahren aussieht, gibt sich der Regisseur auch ganz optimistisch: "Noch genauso wie jetzt. Ich glaube nicht an die Bebauung."

Die drei Park-Dokumentaristen haben übrigens schon Kontakt miteinander aufgenommen. Und überlegen, ob man nicht einmal alle Filme hintereinander zeigen könnte. Karsten hat auch eine interessante Erklärung dafür, warum sie sich fast gleichzeitig daran machten, einen Park zu dokumentieren: "Die Mieten werden immer teurer, das Leben verlagert sich zunehmend nach draußen. Gleichzeitig schleicht sich aber das Gefühl ein, dass die Freiräume in der Stadt immer kleiner werden. Die Parks sind da so was wie die letzte Zuflucht." Die es zu bebildern gilt, solange sie noch diesen Freiraum bieten.