Der chinesische Dissident Liao Yiwu

Besuch bei einem Unbeugsamen

Verunkrautete Bürgersteige, parkende Zweitwagen, schlichte, aber stattliche Bürgerhäuser: Hier, in einem stillen Seitenarm des großen Stroms Berlin, ist Liao Yiwu nach stürmischer Überfahrt fürs Erste vor Anker gegangen.

Die Details seiner Ausreise behält er für sich, dass er China zu Fuß verlassen hat, verrät er aber doch. Europa hat er per Flugzeug erreicht: erst Polen, dann Berlin. Seitdem gibt Liao Yiwu fast ununterbrochen Interviews. Er weiß es und sagt es: Es ist die Öffentlichkeit, die ihn jetzt schützt. Eben ist ein Radioreporter gegangen, zwei Fernsehteams kommen noch. Liao Yiwu sagt "Danke", einstweilen das einzige deutsche Wort, das er kennt. Er ist ein fast altersloser Mann mit geschorenem Schädel, drahtig, in verwaschenem T-Shirt und Cargohose. "Ich bin legal ausgereist", das ist der erste Satz Liao Yiwus, den Tienchi Martin-Liao, die mit ihm nicht verwandte Präsidentin des unabhängigen chinesischen Schriftstellerverbandes P.E.N, übersetzt. Später sagt Liao, er wolle nicht sein, was er in den Augen seiner Besucher doch offensichtlich ist: ein "politischer Flüchtling".

Liao Yiwu bekommt die Härte der chinesischen Regierung seit 22 Jahren zu spüren. Unmittelbar nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens - ein Ereignis, das man in China mit der Chiffre "4. Juni" belegt - hat er ein Gedicht mit dem Titel "Massaker" geschrieben, das ihm vier Jahre Haft unter unmenschlichen Bedingungen eintrug. Mehrfach hat Liao im Gefängnis versucht, sich das Leben zu nehmen; seit nunmehr 17 Jahren trägt er ein Buch mit sich herum, in dem er seine Zeit im Gefängnis schildert. Dreimal insgesamt hat er es geschrieben, während sich Freunde und Familie von ihm abwandten, zweimal ist das Manuskript beschlagnahmt worden. In der Wohnung einer Berliner Freundin, an einem tiefroten chinesischen Tisch, beschreibt Liao den Rekonstruktionsprozess auf der Grundlage von dreißig, damals aus dem Gefängnis geschmuggelten Gedichten. Er habe mit zum Tode Verurteilten in der Zelle gesessen, erzählt er, er habe sie sich auf das Ende vorbereiten sehen - ihr Schicksal verdiene eine "schöne, gute Sprache". In zehn Tagen wird "Für ein Lied und hundert Lieder", Liao Yiwus "Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen", bei S. Fischer erscheinen. "Wäre ich jetzt in China", sagt Liao, "drohte mir wieder die Haft."

In seiner Stimme schwingt Erleichterung mit, doch von einem Triumph ist nichts zu spüren. Dafür ist der Preis zu hoch: "China ist meine Heimat", sagt Liao. "Ich will mich nicht verstecken, um meine Freiheit zu genießen. Natürlich weiß ich, dass ich jetzt nicht zurückkann. Doch irgendwann werde ich die Chance bekommen." Wann? Liao Yiwu wird bis Ende des Jahres in die USA, nach Australien und nach Taiwan reisen; das Jahr 2012 wird er als Gast des DAAD in Berlin verbringen. Bis dahin, so hofft er, wird Xi Jinping in Peking an der Macht sein - ein Mann, der bereits in Berlin gewesen sei und zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Draht habe. Und ja, auch ein demokratisches China könne er sich vorstellen. Nur wisse er nicht, ob bis dahin nicht alle Flüsse vergiftet seien und der Himmel über China nicht mehr blau.