"Classic Open Air"

Charmantes Duell zwischen Musical und Operette

Das Duell zwischen Operette und Musical ist entschieden. Ganz eindeutig haben beide gewonnen. Das "Classic Open Air"-Festival hat aber auch engagierte Fürsprecher ins Rennen geschickt. Anna Maria Kaufmann hielt die intensivsten Plädoyers für "Miss Musical".

Das Ensemble der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig stand besonders eindringlich auf der Seite von "Madame Operette". Der eigentliche Gewinner ist: das Publikum.

Anna Maria Kaufmann ist eine charmante Gastgeberin. Ein singendes, moderierendes, tanzendes und spielendes Gesamtkunstwerk. Ihr Sopran fühlt sich im "Phantom der Oper" noch immer zu Hause. Vor zwei Jahrzehnten hat die Rolle der Christine der Kanadierin in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Auch die herberen Töne im Musical "Cabaret" schlägt sie überzeugend an. Im "Weißen Rössl" wirken die Höhen schon etwas unsicher.

Stimmlich konnten die Sopranistinnen aus Leipzig durchaus mithalten. Ruth Ingeborg Ohlmann legte fulminant und in den Höhen völlig schwindelfrei das Auftrittslied der Saffi aus dem "Zigeunerbaron" hin. Als Blumenmädchen in "My Fair Lady" sang sich Mirjam Neururer zart und innig in die Herzen der Zuhörer. Das Leipziger Orchester führte erst sein famoses Blech, später seine schmelzenden Geigen vor. Mit Trompetenfanfaren ritt die "Leichte Kavallerie" ein, dann wallte das Zigeunerblut der "Czárdásfürstin" auf. Am Pult stand der legendäre Roland Seiffarth, seit Jahrzehnten eine Institution in Sachen Operette.

Viele ältere Herrschaften saßen im Publikum, die sich wohl wehmütig an das längst abgewickelte Berliner Metropol-Theater erinnerten. Besonders rund und in sich stimmig wirkte dieser "Classic Open Air"-Abend. Das lag daran, dass die Musikalische Komödie ihre Solisten, Chor, Ballett und Orchester mit nach Berlin brachte. Hier herrschte Ensemblegeist. Alle waren bestens aufeinander eingespielt. Die Sänger lieferten nicht einfach ihre Paradenummern ab, sie spielten und tanzten miteinander in ständig wechselnden Kostümen.

Die Leipziger sorgten für Unterhaltung auf einem durchgehend hohen Niveau. Radoslaw Rydlewski war viel besser bei Stimme als bei der "First Night" am Donnerstag. Der Tenor war ein herrlich temperamentvoller "Flotter Geist". Die Leipziger präsentierten hübsche kleine Spielszenen. Das Ballett kam im Charleston-Look, als Revuegirlreihe oder als Kakteengarten auf die Bühne. Immer wieder warfen die Tänzerinnen die Beine hoch in die Luft. Das Ensemble führte mit "Mein Freund Bunbury" auch vor, dass die DDR eine eigene Operetten-Tradition entwickelt hatte.

Die Stimmung war rundherum ausgelassen, auch das Wetter in Bestform, und am Ende konnte Anna Maria Kaufmann nur noch rufen: "Viva die Operette! Viva das Musical!"