"Classic Open Air"-Festival

Ein Bilderbogen der Lüste und Laster

Schwungvoll dreht sich das Schicksalsrad. "O Fortuna" - der Chor besingt den ewigen Wandel, das eitle Glück, das einen ganz nach oben zu Ruhm und Reichtum trägt, bevor das Rad wieder nach unten in die tiefe Dunkelheit saust.

Carl Orffs einzigartiges Panorama menschlicher Begierden, Schwächen und Leidenschaften zog mit Verve beim "Classic Open Air"-Festival ein: die "Carmina Burana".

Der Komponist war schon 41 Jahre alt, als sein Meisterwerk 1937 uraufgeführt wurde. Er wusste, dass er etwas Besonderes geschaffen hatte, auch wenn die Kritiken erst verhalten klangen und nur nach und nach Begeisterung zeigten. Heute zählt es ohne Zweifel zu den beliebtesten Werken des 20. Jahrhunderts. Es ist einzigartig, massentauglich und durch die holzschnittartige Faktur und die treibenden Rhythmen außerordentlich gut für Freiluftkonzerte geeignet. Auch beim "Classic Open Air"-Festival erklingen die "Carmina Burana" nicht zum ersten Mal.

Einen herrlichen Bilderbogen der Lüste und Laster zeichnet die Singakademie Frankfurt (O.). Sanft singt sie von den bunten Frühlingsblumen und Nektardüften. Kokett fordern die Chordamen Schminke vom Krämer, weil sie die jungen Männer verführen wollen. Die Sänger fühlen sich in der Taverne wohl. Fröhlich trinken die Chorherren auf den, der die Weinzeche bezahlt. Sie singen aber auch die Mönchslitaneien mit sonorem Ernst. Lustvoll schlüpfen die Chorsänger in immer neue Rollen.

Landstreicher, Klosterbrüder, Zechkumpane, Strauchdiebe haben Platz in diesem Panoptikum des Lebens. Die sinnlichen mittelalterlichen Texte, die sich im Kloster zu Benediktbeuren fanden, sind nicht ganz jugendfrei. Auch Carl Orff fragte erst einmal vorsichtig nach, ob der alte Titel "Carmina Burana", also "Beuerische Lieder", vielleicht irgendeine unanständige Nebenbedeutung hätte.

Es ist nicht schwer, die rhythmusbesessenen Nummern effektvoll ins Publikum zu schleudern. Der Dirigent Kevin McCutcheon fordert mit großen, deutlichen Gesten Präzision. Er sorgt aber auch für die anrührenden Momente des Innehaltens. Christian Grygas wechselt ständig die Farben seines eleganten, herrischen, klagenden, dann wieder komödiantischen Baritons. Vor allem ist er ein herrlich dekadenter Schlaraffenabt. Den armen, gebratenen Schwan gibt Christoph Lauer mit dem Federfächer. Katarzyna Dondalskas Glockensopran setzt empfindsame Ruhepunkte. Nebel schwebt über die Bühne. Laserlichter wandern durchs Publikum. Wenn am Ende noch einmal die Schicksalsgöttin angerufen wird, fliegen die Feuerwerksraketen in den Himmel.

Vorher war das "Credo" des belgisch-polnischen Filmmusikkomponisten Henri Seroka eher eine Enttäuschung, auch wenn sich zusätzlich der ausgezeichnete Poznaner Knabenchor sowie die Solisten Eva Nyakas und SergeKakudji dafür engagierten. Die sechs Teile des Oratoriums, das der Komponist selbst dirigierte, zogen sich gleichförmig wie ein chorsymphonischer Riesenbandwurm dahin.

Das Wetter war wieder herrlich. Nur kurz gab es ein paar Tröpfchen und vorwitzig aufspringende Regenschirme. In Wirklichkeit meint es die Schicksalsgöttin gut mit der Jubiläumsausgabe des "Classic Open Air"-Festivals. Oder wie Direktor Gerhard Kämpfe es formulierte: "Zwei Kirchen, mittendrin ein 'Ave Maria', und plötzlich ist der Himmel wieder blau."