Kunstsache

Wo Rasenmäher-Chauffeure ihre Runden drehen

Wer im Glashaus sitzt, muss häufig Fenster putzen. Dieser Geistesblitz durchfuhr mich, als ich während eines USA-Urlaubs den Drang verspürte, eine Ikone der modernen Architektur zu besichtigen.

Das Glass House von Philip Johnson in Connecticut ist für Style-Junkies das Paradies: ein abgelegener Einraum-Bungalow mit vier gläsernen Seitenwänden, die den Blick auf das üppige Grün Neuenglands freigeben. Wer hält diese elegante Einsiedler-Hütte so gut in Schuss?, fragte ich mich damals. Jetzt weiß ich es, dank des wunderbaren Films von Sarah Morris, den die Galerie Capitain/Petzel präsentiert. "Points on a line" zeigt das Glashaus-Leben im Einklang mit der Natur und die Mühe, die es macht, diese grandiose Kulturleistung in der Wildnis aufrecht zu erhalten. So sieht man zu netter Loungemusik Fensterputzer Fenster putzen, Poolwächter Poolwasser wechseln und Rasenmäherchauffeure ihre Runde drehen. Zusätzlich stellt Morris eine Serie neuer Lackfarbenbilder vor, die von der Architektur des John Hancock Centers in Chicago inspiriert sind. Der Versicherungstycoon Hancock war für seine schwungvollen Vertragsunterzeichnungen bekannt und gilt als "Vater der Signatur". Deshalb spielt Morris in ihren Bildern mit den Initialen ihres Namens - ein kleiner Seitenhieb darauf, dass Künstler heute wiedererkennbar wie eine Marke sein müssen. (Bis 30. Juli, Karl-Marx-Allee 45, Mitte.)

Vermarktung war für F.C. Gundlach nie ein Problem. Der Reportagefotograf, der nach dem Krieg durchs Pariser Nachtleben zog und seit den frühen 60er-Jahren als maßgeblicher Bildlieferant der "Brigitte" republikbekannt wurde, machte 1950 auch einen längeren Abstecher nach Berlin. Für die "Film und Frau" arbeitete er in der geteilten Stadt, schoss in dieser Zeit über 5000 Motive. Viele sind wunderschön und voller Nostalgie: Hoteliersgattin Hedda Adlon im leicht ramponierten Pelzmantel, die sich bei der Eröffnung des Hotels Hilton zum sitzenden Willy Brandt hinunterbeugt. Oder das Model, das mit wehenden Haaren vor der Steilkurve der "Avus"-Rennstrecke steht. Es war die Zeit, als West-Berlin langsam wieder Tritt fasste, Gundlach begleitete das schöne neue Leben mit seinem Fotoapparat. Auf der kriegsentwaldeten Straße des 17. Juni parkte er ein schnittiges Sportcabrio und platzierte seine Models direkt davor. Die Galerie Contemporary Fine Arts zeigt über 200 von Gundlachs Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Wirtschaftswunder-Berlin - darunter auch Bilder von wandelnden Legenden wie Gina Lollobrigida, Cary Grant oder der Knef. (Bis 30. Juli, Am Kupfergraben 10, Mitte.)

Mythen ganz anderer Art interessieren wiederum Ilias Papailiakis. Der griechische Maler begeistert sich für die Kunst der Alten Meister, die er in seinen eigenen Werken zu imitieren und zitieren scheint: Das Motiv eines abgetrennte Männerkopfs, das nun in der Galerie upstairs Berlin an der Wand hängt, dürfte ursprünglich aus einer Salome-Darstellung stammen. In einem anderen Bild sieht man einen blankgeputzten Schädel, den der Künstler vielleicht aus der Schreibstube des Hl. Hieronymus klaute, die Caravaggio einst malte. Papailiakis' Bilder, die er altmeisterlich auf dunklem Untergrund komponiert, sind viel mehr als schnöde Kopien. Denn in seiner Pinselhaltung ist er modern: Der Spitzenkragen einer alten Niederländerin besteht von Nahem betrachtet aus zackigen Strichen, die an das deutsche Informel erinnern. In einem anderen Frauenporträt ist die Nase so vermalt, das sie von Francis Bacon stammen könnte. Mich beeindruckt, wie mutig sich dieser junge Maler seinen Weg durch die Kunstgeschichte schlägt. Mit Preisen knapp über 10 000 Euro sind seine Leinwände auch für Einsteiger interessant. (Bis 30. Juli, Am Kupfergraben 10, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien