Classic Open Air

Es ist nicht leicht, neben José Cura zu bestehen

"Haben Sie Ihre Sonnencreme mitgebracht?", ruft José Cura ins Publikum. Tatsächlich, mediterraner könnte die Atmosphäre kaum sein als bei der warmen, wolkenlosen "Italienischen Nacht".

Große Tenöre gehören zum Inventar des Classic Open Air-Festivals. Das ist auch beim 20-jährigen Jubiläum nicht anders. Der Argentinier verlässt schon bei der ersten Arie die Bühne und sucht den Kontakt zum Publikum. "Vesti la giubba" aus Leoncavallos "Pagliacci" kommt mit heftigen Ausbrüchen daher. Barbara Krieger singt die großen Sopran-Arien "Casta Diva" und "Vissi d'arte". Leicht hat sie es nicht, neben dem Weltstar zu bestehen.

Die beiden Künstler geben in Berlin ein Heimspiel. Barbara Krieger lebt hier seit Jahren. José Cura hat hier oft gesungen, kürzlich erst in "Samson et Dalila" an der Deutschen Oper. Die beiden sind ein ungleiches und doch harmonisches Paar. José Cura singt seit vielen Jahren auf den großen Bühnen der Welt. Barbara Krieger hatte einen fantastischen Start im Ensemble der Wiener Staatsoper. Ein schwerer Unfall sorgte für eine lange Karrierepause. Nun gibt sie wieder Konzerte und nimmt CDs auf. Sie hat eine schöne Stimme und große Leidenschaft. Sie singt voller Hingabe, vertieft sich vollkommen in die Gefühlslagen ihrer Opernfiguren. Was ihr Cura ganz eindeutig voraus hat, ist die Routine, die Souveränität. Natürlich auch das stählerne Riesenorgan, dem die Bravorufe nur so zufliegen.

Programmänderungen kündigte Festivaldirektor Gerhard Kämpfe an. Mit der lustigen Begründung, dass die Noten nicht rechtzeitig aus Italien eingetroffen seien. Als wenn man "Lucia di Lammermoor" nur in Italien erwerben könnte. Egal - die Entscheidung, ein paar Chornummern zu streichen, war sicher richtig. Beim "Norma viene" konnte sich der Berliner Konzert Chor mit der Neuen Elbland Philharmonie schon kaum auf ein Tempo einigen. Das Orchester aus Riesa machte bei seinem Classic Open Air-Debüt keine schlechte Figur. Mario De Rose, der sehr oft Curas Konzerte dirigiert, führte die Musiker durch die wechselnden Stilebenen der italienischen Operngeschichte.

Er ist rührend um sie besorgt, bringt ihr während eines Duetts ein Glas Wasser auf die Bühne. Sie singt so herzzerreißend, dass man kaum wahrhaben will, dass die Stimme manchmal etwas brüchig und unsicher wird. Der Gestaltungswille will sich manchmal vehement über kleine technische Unebenheiten hinwegsetzen. Gelegentlich wirkt sie wie eingeschüchtert vom übermächtigen Tenor, der einfach herrlich entspannt durch die berühmten Tenorarien streift. Mehr als das. Immer wieder tritt er auch als Dirigent vors Orchester, und das ist alles andere als nur Showeffekt. Der Allroundmusiker Cura kann auch komponieren, inszenieren und Bühnenbilder schaffen.

Barbara Krieger wirkt im zweiten Programmteil gelassener. Er legt den Arm um sie. "Mario Mario" heißt das tränenschwangere Duett zum Abendrot. Spätestens beim Zugaben-"Nessun dorma" liefen Schauder über 7000 Rücken, und beim "Libiamo" aus "La Traviata" gab es kein Halten mehr - da sang sogar das Publikum mit.

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