Fernsehen

Wie ich lernte, Anne Will zu lieben

Alle paar Jahre treffen sich die Intendanten der Landesrundfunk-Anstalten zu einem wichtigen Termin: Sie haben mal wieder einen Polit-Talker verschlissen, ein Neuer muss her. Und der Polit-Talker im Ersten, das ist nun einmal eine sehr ernste Angelegenheit, ein Politikum im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn Polit und Talk sind zwei sehr unterschiedliche Welten. Politik bedeutet: Fakten, wichtig, stinklangweilig, Talk aber: Zerstreuung, bunt, unterhaltsam. Es gibt nur wenige, die da den richtigen Ton treffen, die es schaffen, den Bundesbürger an einem Sonntagabend nach dem "Tatort" noch zu einer Runde Infotainment zu überreden. Moderatoren, die das draufhaben, sind dünn gesät. Wenn sie es aber draufhaben, dann haben sie einen Job inne, neben dem manche Bundesminister verblassen. Denn die sind ja nur Gast. Und solange sie ihre Füße unter ... Man ahnt, wie da am Sonntagabend die Machtverhältnisse verteilt sind.

Anne Will, die diesen Posten in den vergangenen vier Jahren innehatte, beherrscht ihren Job. Ihr Name gehört zu den wenigen, die zu mir nach Mexiko vorgedrungen sind, zu einem Exildeutschen eben, der Politik eher als sein Dritthobby betrachtet. Sie verband Emotionen mit Fakten, und ihr Kniff bestand darin, sich selbst zurückzuhalten. Ihre Vorgängerin Sabine Christiansen hatte ja bereits eine lange Tradition des Zurückhaltens geschaffen, was aber sowohl auf Kosten der Unterhaltung als auch der Fakten ging. Jeder Depp, jeder ehrgeizige Generalsekretär durfte am Sonntagabend labern bis zum Get No. Christiansen grinste, und der Zuschauer durfte selber entscheiden, wann er sich noch mal nachschenkte.

Anne Will hatte ihren eigenen Kniff: Sie überließ den Politikern die Unterhaltung, stachelte sie insgeheim sogar zu publikumswirksamen Stammtischparolen an, ließ sie reden und stach dann kaltherzig und klarköpfig dazwischen. Und der Zuschauer merkte, dass man da eben doch in einem Studio in Berlin saß und nicht an einem speckigen Tisch in einem Gasthaus in Oberbayern. Was für ein Erwachen! Das war demaskierend, erhellend und diente, ja, manchem zur Unterhaltung. Es gibt da diese typischen Politikersätze, dramaturgisch durchgeplant, mit dem Medienberater eingeübt, die sich steigern und steigern, mit ein paar Ausrufezeichen enden und beim Zuschauer reflexartigen Applaus auslösen. Anne Will kannte diesen Reflex und stellte in den aufbrandenden Applaus hinein eine ernüchternde Gegenfrage. Kartenhäuser zerfielen auf dem sauber gebohnerten Boden des Neuen Berlins.

Niemand schaut sich hochrangig besetzten Polit-Talk wegen des Moderators an. Sondern wegen dem, was der Moderator aus den einbestellten Politikern macht. Die Intendanten haben nun einen quotenträchtigeren Mittelsmann angeheuert. Wahrscheinlich wird es bei Günther Jauch wieder ein bisschen einfacher sein, dranzubleiben.

Wenn Jauch vom 11. September an sonntags um 21.45 Uhr vor die Kamera tritt, wird Anne Will möglicherweise zu Hause auf dem Sofa den Einstieg des Kollegen in den ARD-Talkreigen verfolgen. Will ist dann bereits aus der Sommerpause zurück und hat einen neuen Sendeplatz: Vom 31. August an mittwochs nach den "Tagesthemen" um 22.45 Uhr.

Anne Will begann ihre Karriere in der "Sportschau", und als ich von ihrem mutigen Outing hörte, dachte ich: Yeah, der erste echte Mann im deutschen Sportfernsehen! Dann sah ich ihren straighten Lebenslauf und befand, dass diese Frau anderes verdient, als über den Menschen definiert zu werden, den sie liebt. Anne Will hat auf eine unterschwellige Weise gewusst, das Menschliche und das Sachliche zusammenzuführen. Wie immer, wenn etwas stirbt, merkt man erst dann, was man daran gehabt hat. Und so werde ich mir heute Abend zum ersten Mal seit langem wieder ihre Sonntagabendshow im Internet anschauen. Die letzte.

Airen , Autor des Romans "Strobo", lebt als Blogger und Schriftsteller in Mexiko