Martin Walser

Der apokalyptische Endkampf

Motorradfahrer begegnen sich, fahren Rennen, führen Fachgespräche: "Ich: Ducati! Er: Monster! Ich: Naked Bike! Er: Du kennst dich aus. Ich: Mein Beruf." Und dann klopfen sie sich gegenseitig auf die Lenker, diese Biker. Diese Helden im neuen Roman von Martin Walser.

Es gibt darin sogar viele Geschichten, für die man dem 84-jährigen Schriftsteller Walser auch auf den Lenker klopfen möchte. Zum Beispiel für die von Ewald Kainz, Rockername "Marlon", einst vielversprechender Lehramtsanwärter in Baden-Württemberg, dann im Kulturkampf der frühen 70er als Kommunist abgelehnt. Nun Motorradfahrlehrer, außerdem geistiger Führer des Motorradclubs "German Insiders", einem selbst ernannten "Frei-Chor". Stabile Lebenszustände, eine Frau gehört auch dazu. Doch dann kommt die walsersche Fliehkraft ins Spiel, eine von ihm höchstpersönlich in die deutsche Literaturphysik eingeführte Größe. Sie ist zwar meist verbunden mit einer anderen Frau, aber nicht bloß Liebe, sondern eher ein Sirenengesang, unwiderstehlich und schicksalhaft. Auch Ewalds Harmonie löst sich in existenziellem Missklang auf.

Walsers sehr musikalischer und sehr biblischer Roman "Muttersohn" setzt ein, als Ewald Kainz nach missglücktem Suizidversuch in die Psychiatrie eingeliefert wird. Die Klinik ist in einem früheren Barockkloster untergebracht, ihr Chefarzt ein Krypto-Abt, ein Anhänger unkonventioneller Therapien. Sein Lieblingspflegeschüler, "Percy" genannt, soll den Selbstmordkandidaten kurieren. Eben dieser Percy, der titelgebende "Muttersohn", sieht sich als Jungfrauengeburt. Also Jesus. Walser hat hier eine wunderbare Figur in das Jammertal seines Romans gesandt: Einen Erwählten, der um seine Besonderheit weiß und unangreifbar wirkt. Du bist ein Engel ohne Flügel, hat seine Mutter ihm immer wieder gesagt.

Das ist der Walser-Hymnen-Sound mit Turboeinspritzung. In seiner hochfrisierten Menschenutopie gehen Ästhetisches und Moralisches wie selbstverständlich zusammen. Genauso wie hinter den Klinik-Mauern Heilung und Heil, Medizinisches und Religiöses, Rationales und Mystisches in eins fallen. Die Messiasgestalt Percy geht "geleitet" durch diesen Dornwald menschlichen Leids und hat noch für den durchgeknalltesten Paranoiker das passende Wort auf der Zunge. Wie Percy überhaupt die Gabe der Rede entdeckt hat, powered by Heiliggeist. Doch ausgerechnet bei Ewald Kainz, den Percy als alten Schwarm seiner Mutter für seinen möglichen Vater halten muss, versagt er.

Was also ist das für ein komisches Buch? Eines, in dem chorsingende Rocker, spiritistische Irrenärzte und schriftstellernde Psychoten herumlaufen und durch ein Gewirr von Liebesgeschichten verknüpft sind. Ist Walser auf seine alten Tage wunderlich geworden? Hat er, wie er die geliebte oberschwäbische Mundart zitiert, seine "Mödelen"? Das sind "Eigenheiten, die man den Älterwerdenden zugesteht, weil man weiß, dass man sie ihnen weder verbieten noch abgewöhnen kann." Träfe das zu, dann wäre Walser immer schon ein bisschen skurril gewesen. Nein, der Fall ist komplizierter. Wer diesen Roman ganz ernst nimmt, der ist womöglich selbst reif für eine Therapie, Unterabteilung religiöser Wahn. Wer ihn als frömmelnd-spintisierendes Spätwerk abtut, als eine Art letzte Motorölung eines Erzähl-Oldtimers, der übersieht die Brüche und Kanten, das Spiel auch mit eigentlich artfremden Erzählformen.

Die ganze Motorclubgeschichte ist purer Trash, der aus einem Kultcomic stammen könnte. Als bekannt wird, "dass Marlon die letzte Kurze gekriegt hat", mutiert die Engelschar zu einem satanistischen Faschoverein. Aus den "German Insiders" wird die "Austrian Action", Untersektion "Jollynecks", mit Stinkefinger als Emblem. Wie bitte? Ja, tatsächlich, am Ende inszeniert Walser einen apokalyptischen Endkampf zwischen Messias Percy und den Teufelsrockern, die ja doch nur - wie die römischen Kreuziger im 2000 Jahre alten Original - die Schrift erfüllen.

Es dürfte außer der Bibel wenige Bücher geben, in denen das Sterben eine so lebensbejahende Grundstimmung erzeugt: Ewald Kainz hängt sich auf, der liebeskranke Professor wird von einer Jugendbande attackiert und schlägt tödlich auf einen Stein, Percy stirbt seinen vorbestimmten Opfertod. Walser weiß, dass seine moderne Heiligenlegende, und um nichts als eine Imitatio Christi handelt es sich, nur gebrochen, im Modus der Überzeichnung erzählt werden kann. Ausgerechnet in einer Talkshow lässt er seinen Percy die provokativsten Worte sprechen: Was zähle, sei die Gegenwart, die Präsenz, die Ansprache, das Sprechen - nicht die Schrift. Denn nur so entstehe ein "Lebensaugenblick", eine "Anwesenheit, wie sie noch nie war und nie mehr sein wird".

Im Grunde fragt Walsers Held hier: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? "Muttersohn" ist eine Summe und enthält zugleich, gut versteckt hinter den grellen, verspielten Zügen, auch ein Dementi des Werks, ja, des Geschriebenen überhaupt: Jedes Menschenwort verfliegt - wenn es nicht von allerhöchster Stelle stammt. Walser kann den Easy Writer geben, kann entspannt und ohne Rücksicht aufs Gas treten und sich riskant in jede Kurve legen, weil er weiß, dass Bücher in der Endabrechnung nur wenig zählen. Ein Roman also mit hohem Schräglagenpotenzial. Früher hätte man das Gottvertrauen genannt.

Martin Walser : Muttersohn. Rowohlt Verlag. 512 Seiten, 24,95 Euro