Interview mit Geraldine Chaplin

"Ich habe Daddys Namen immer nur ausgenutzt"

Ab kommendem Freitag werden drei Wochen lang im Babylon-Kino in Mitte alle Filme von Charles Chaplin (1889-1977) gezeigt, von den ersten Kurzfilmen 1914 bis zu seinem letzten Film "Die Gräfin von Hongkong" (1967). Und keine Geringere als Geraldine Chaplin wird das Werk vorstellen.

Die jüngste seiner acht Kinder ist selbst erfolgreiche Schauspielerin und hat das Lachen ihres Vaters geerbt. Peter Zander hat die 66-Jährige in Berlin getroffen.

Berliner Morgenpost: Frau Chaplin, gab es je in Ihrem Leben ein Interview, in dem keine Frage zu Ihrem Vater gestellt wurde?

Geraldine Chaplin: Nein. Und ich würde sterben, wenn das mal passiert. Das wäre für mich der Inbegriff der Verunsicherung.

Berliner Morgenpost: Wir alle kennen Chaplin als größten Komiker aller Zeiten. Wir wissen aber nichts über ihn als Vater. Verraten Sie uns etwas?

Geraldine Chaplin: Er war ein guter, aber auch ein sehr strenger Vater. Sie dürfen nicht vergessen, er ist 1889 geboren; er war noch sehr viktorianisch. Das Schöne war, er war oft da. Er arbeitete viel zu Hause. Das hieß aber auch, dass wir uns nur auf Zehenspitzen bewegen durften und mucksmäuschenstill sein mussten. Wenn wir spielen wollten, mussten wir raus.

Berliner Morgenpost: Gab es Bestrafungen, wenn Sie was angestellt hatten oder nicht gespurt haben?

Geraldine Chaplin: Und ob. Wenn wir nicht gut in der Schule waren, wurden wir schwer bestraft. Fernsehen konnte er uns noch nicht verbieten, das gab's ja noch nicht. Aber wir hatten Hausarrest. Und was immer wir wollten, wir durften's dann nicht. Ich habe allerdings keinen Vergleich; ich hatte ja nur diesen einen Vater. Und ich war glücklich, denn er war der berühmteste, der beliebteste Mann der Welt.

Berliner Morgenpost: Waren Sie nicht ärgerlich, dass Sie ihn mit der Welt teilen mussten? Viele wollen ihren Vater ja ganz für sich alleine haben.

Geraldine Chaplin: Im Gegenteil. Ich hab's geliebt! Jeder will doch, dass sein Vater der Beste ist. Und hey, meine Freundinnen hatten da keinen Stich. Wenn Daddy mich von der Schule abholte, war vielleicht was los. Und wenn ich von jemandem abschreiben wollte, musste ich nur sagen, du darfst heute Abend Daddy kennen lernen.

Berliner Morgenpost: Als Sie acht waren, standen Sie für "Rampenlicht" vor seiner Kamera. Wie war das, den eigenen Vater als Regisseur zu erleben?

Geraldine Chaplin: Darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Es war ja nur ein halber Tag. Und mein Bruder, meine Schwester und ich, wir waren einfach froh, dass wir schulfrei hatten. Wir durften Gassenkinder spielen, das hat Riesenspaß gemacht.

Berliner Morgenpost: 17 Jahre später spielten Sie auch in seinem letzten Film mit. Wie erlebten Sie ihn da? War er als Regisseur eher ein Menschenfreund - oder ein großer Diktator?

Geraldine Chaplin: Oh, letzteres. Er war der totale Perfektionist, sehr fordernd und obsessiv. Wenn was nicht klappte, konnte er wild werden. Aber die Art, wie er Regie führte, war unglaublich. Er spielte die Rollen. In "Die Gräfin von Hongkong" spielte er Sophia Loren was vor und war mehr Sophia Loren, als sie es je sein konnte. Ich habe selten mit Regisseuren zusammengearbeitet, die dir so zeigen konnten, was sie wollten.

Berliner Morgenpost: Eigentlich wollten Sie Tänzerin werden. Wann entschieden Sie sich, selbst Schauspielerin zu werden?

Geraldine Chaplin: Ich habe gar nichts entschieden. Der Tanz hat mich abgefertigt. In meinem Kopf war ich eine große Tänzerin, aber der Körper folgte nicht. Also was tun? Wurde ich halt Schauspielerin!

Berliner Morgenpost: Hatten Sie sich je überlegt, einen anderen, einen Künstlernamen anzunehmen?

Geraldine Chaplin: Wie bitte? Ich habe den Namen so oft ich konnte benutzt und ausgebeutet.

Berliner Morgenpost: Sie glaubten nicht an Ihr Talent?

Geraldine Chaplin: Schlimmer. Ich war faul. Verwöhnt. Ohne den Namen wäre ich nichts geworden, da hätte mich keiner gewollt. Nur der Name hat mir die Türen geöffnet. Aber bei meinem zweiten Film "Doktor Schiwago" hat es mich dann erwischt. Ab da wollte ich wirklich Schauspielerin werden.

Berliner Morgenpost: Hat Ihr Vater Sie unterstützt? Oder wollte er keinen zweiten Chaplin im Business?

Geraldine Chaplin: Er hat mich überhaupt nicht unterstützt.

Berliner Morgenpost: Das war die Phase, in der Sie nicht miteinander kommuniziert haben?

Geraldine Chaplin: Ja, für mehr als sechs Jahre.

Berliner Morgenpost: Weil Sie in sein Metier drängten?

Geraldine Chaplin: Iwo. Da ging's um Banaleres. Das begann, als ich 14 war. Ich hab einen Lippenstift benutzt, er hat mich geohrfeigt. Das klassische Teenager-Problem: Alle in der Klasse haben das getan. Und ich war auch in einer echten Trotzphase. Das rebellische Alter eben. Nein, als ich zu schauspielern begann, wusste er, ich will nur den leichtesten Weg nehmen.

Berliner Morgenpost: Hat er Ihnen je einen Rat erteilt?

Geraldine Chaplin: Leider nein. Zu meinem Unglück wurde er nach "Schiwago" ein echter Fan von mir. Da gibt man keine Tipps. Aber als ich noch Tänzerin war, hat er mich beraten. Ich hab da oft geklagt, ich bin nicht gut genug. Und er sagte: Wenn du nicht daran glaubst, dass du die beste Tänzerin der Welt bist, dann wird's kein anderer glauben. Und wenn ich sagte, ich habe kein Talent, meinte er nur: Talent ist gar nichts. Harte Arbeit ist alles. Und (ahmt ihn nach: ) Erziehung ist deine einzige Verteidigung.

Berliner Morgenpost: Als Kind will man immer anders werden als seine Eltern. Als Elternteil handelt man dann oft ähnlich. Wie war das bei Ihnen?

Geraldine Chaplin: Genauso. Was hat meine Tochter rebelliert! Schlimmer als ich. Und als sie Schauspielerin werden wollte, war ich entsetzt. Ich habe sie gewarnt: Wenn du zu 100 Vorsprechen kommst, hast du Glück, wenn du nur 99 Mal ein Nein hörst. Das muss man aushalten können. Sie hat inzwischen viel gemacht, aber der große Durchbruch kam noch nicht. Mein Name zieht offenbar nicht so wie der von Daddy bei mir.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihr liebster Chaplin-Film?

Geraldine Chaplin: Immer der letzte, den ich gesehen habe. Ich sehe die Filme immer wieder neu und entdecke dauernd andere Aspekte darin.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet es Ihnen, am Freitag die Chaplin-Retro in Berlin zu eröffnen?

Geraldine Chaplin: Sie können hier alle seine 80 Filme sehen. Eine Reise durch sein Gesamtwerk: eine seltene Gelegenheit. Ich freue mich, dabei zu sein. Sehen Sie, ich war lange nur seine Tochter, dann eine Zeit lang selber etwas. Jetzt bin ich wieder mehr die Tochter.

Berliner Morgenpost: Sie scherzen. Sie sind doch gut im Geschäft.

Geraldine Chaplin: Ja, aber ich spiele jetzt die Horrorgräfinnen und bösen Großmütter. Weil es in meiner Branche kaum noch Frauen meines Alters gibt, die nicht geliftet sind. Das ist nicht schön, wenn man in den Spiegel guckt, aber gut fürs Geschäft.

Berliner Morgenpost: Apropos Großmütter: Sie haben 1992 in "Chaplin", einem Film über Ihren Vater, Ihre Oma gespielt. Wie fühlt man sich da?

Geraldine Chaplin: Eine grandiose Rolle. Aber ich hab sie natürlich nur gekriegt, weil ich Chaplins Tochter war. Ich meine: Hallo? Meine Großmutter war blond, dick, blauäugig. War denen aber egal. Es reichte, dass ich wie Daddy aussah. Robert Downey Jr. habe ich erst vor der Kamera getroffen. Das war verwirrend, ich musste ihn in die Arme nehmen, er war mein Vater, nein, mein Sohn und ich dachte: Freud, hilf!