Kyoto-Tagebuch

Stromsparen ist der neue Volkssport in Japan

Nimm eine Taschenlampe mit, wenn du nach Tokio fährst, höre ich, als ich noch entspannt meinen Morgenkaffee in Kyoto trinke. Die Megacity Tokio, die 12-Millionen-Stadt und ich soll eine Taschenlampe mitnehmen.

Hätte ich in den letzten drei Monaten all die guten Ratschläge angenommen, würde ich jetzt im Strahlenschutzanzug dasitzen, Geigerzähler in der einen, Taschenlampe in der anderen Hand und wäre vor Sorge oder Hunger längst verrückt geworden.

Als ich am Hauptbahnhof ankomme, habe ich kurze Zeit mich zu orientieren, dann geht die Hälfte der Beleuchtung aus. Es ist genau 17:00, Beginn der Rush Hour. An der U-Bahnstation ist nur jeder zweite Automat in Betrieb, Schlangen bilden sich trotzdem nicht. Die gibt es nur, wenn man in eine Bahn einsteigen will. Zum Glück sind einem dabei die Mitarbeiter von Tokyo Metro behilflich und drücken Dutzende von Menschen in einen Waggon, den ich für hoffnungslos überfüllt gehalten hatte. Auf den nächsten Zug zu warten, bringt leider nichts. Sie fahren alle dreißig Sekunden und jeder sieht genauso aus. Einziger Vorteil: man kann nicht umfallen.

Im Geschäftsviertel Akasaka schleichen die Autos um die Ecken und versuchen im Dunkeln keine Fußgänger zu überfahren. Aber der Tokyo Tower leuchtet rot und von oben sehe ich ein Lichtermeer, das kein Ende hat. An jeden Haushalt, an jede Firma wurden Briefe mit der Aufforderung verschickt, 20 Prozent Strom zu sparen. Jeden Tag wird der Verbrauch bekannt gegeben, in den Nachrichten, auf allen Bildschirmen, in allen Büros. Sollte die Hundertprozentmarke erreicht werden, gibt es den befürchteten Black Out. An diesem Abend steht die Stadt bei 78 Prozent. Strom Sparen ist zum Verkaufsschlager geworden. Es gibt Aufkleber, auf denen der Businessmann nur in Unterwäsche und Krawatte im Büro posiert oder jugendlich das Treppengeländer hinuntersaust. Eine Welt ohne Klimaanlagen und Rolltreppen als der große Spaß, der Slogan "Saving Power - Saving Nippon" ist zur Marke geworden. Die Klimaanlagen sind ein paar Grad wärmer eingestellt, dennoch friere ich in jedem geschlossenen Raum. Die Japaner scheinen den Sommer zu hassen. Kaum ein Mensch sitzt draußen, nicht einmal am Abend. Die Damen verstecken ihre Köpfe unter Sonnenschirmen, die Unterarme unter einem Stulpenähnlichen UV-Schutz und nachts benutzen sie eine Creme, die die Haut bleicht. Die Drogeriemärkte sind voll davon. Im Regal gleich daneben ein Arsenal an Folterinstrumenten. Klammern für eine schmalere Nase und Zangen für den Mund, die nach jahrelangem Gebrauch ein Dauergrinsen im Gesicht hinterlassen. Das Wort Schönheitsschlaf hat hier eine andere Dimension. Je länger ich mich umschaue, umso mehr gelange ich zu der Überzeugung die einzige Frau mit gebräunter Haut und ohne künstliche Wimpern zu sein. Ich komme nicht umhin, mich unsagbar provinziell zu fühlen, als hätte ich die letzten Jahrzehnte in einem Dorf hinter den Bergen verbracht. So kam mir Berlin noch nie vor. Von Tokio aus betrachtet ist Berlin ein leeres, helles Dorf, in dem unhöfliche Menschen es sich gut gehen lassen und glauben, es ginge immer so weiter.

Im Hotel informiert mich ein Zettel darüber, dass das Leitungswasser trinkbar sei, nur die Hände solle man sich bitte gründlich waschen, wegen der aktuellen Grippewelle. Irgendwas ist immer.

Am letzten Abend stehe ich auf einem Balkon in der 16. Etage. Um uns herum nichts als Hochhäuser, unten eingeklemmt ein Tempel. Die Fensterscheiben knacken kurz, sonst bewegt sich nichts. Am Himmel ein Flugzeug, in dem ich nicht sitzen möchte. Auch nicht morgen. Ich winke in die Stadt. Bis bald, Japan. Pass auf dich auf.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Institutes in Kyoto. Sie schreibt jeden Sonnabend über ihr Gastland.