Klassik

Daniela Damrau entdeckt Liszt als Liederkomponist

Für ihren Liederabend in der Deutschen Oper hatte sie Liszt und Rachmaninow ausgewählt, zwei legendäre Pianisten, die angeblich nicht für Stimmen schreiben konnten.

Der einzige deutschsprachige "Liedführer" behauptete noch vor wenigen Jahren, Rachmaninows Lieder seien "von hoher musikalischer Kultur, aber ohne tieferen Gehalt." Das Vorurteil wurde inzwischen mehrmals widerlegt, auch von Diana Damrau. Im Falle Liszts liegen die Dinge anders. Seine Lieder gehören nicht zum Kanon, bis auf wenige Ausnahmen, und die klingen in der Klavierfassung eloquenter als gesungen. Der weit gereiste Liszt konnte sich jedem Stil anpassen, was zur Folge hatte, dass man ihm einen eigenen absprach. Tatsächlich ist Liszt unter den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts der einzige ohne leicht erkennbare Individualität. Das liegt indes an Wagner, der ihm nicht wenige Einfälle, darunter die starke chromatische Durchbildung des Melodischen, geklaut hat. Jedenfalls sind Liszts Lieder stets ein Risiko.

Diana Damrau begann denn auch blass und ausdruckslos. Der florale Bühnenschmuck erinnerte an Trauerfeiern, ihr Seidenkleid machte den Auftritt nicht gerade lebendiger; die Sängerin drohte in Posen zu erstarren. Doch mit "Über allen Gipfeln ist Ruh" fand sie auf die Höhe ihres Könnens. Zum Schluss sechs Lieder von Rachmaninow: mit Hingabe vorgetragen, ohne Reserve oder Verstellung, natürlich fließender und, wo erforderlich, auch heftig deklamierender Gesang. Zweifellos sind diese Gesänge eine Mixtur aus Volkslied und russischer Salonkultur, aber das wertet sie nicht ab. Ihr nationales Kolorit verleiht ihnen einen ganz markanten Charakter, wie ihn Liszt nur gelegentlich in volkstümlichen Stücken erreichte. Seine hoch artifiziellen Lieder gehören nicht dazu.