"Classic Open Air"-Festivals

Jubiläum auf dem Gendarmenmarkt

Bauarbeiter saßen auf ihren Kränen, jauchzten fröhlich und feuerten den Applaus mit rhythmisch blinkenden Scheinwerfern an. In den ersten Jahren fand das "Classic Open Air"-Festival inmitten einer Großbaustelle zwischen Baggern und Sandhaufen statt. Der ganze Gendarmenmarkt wurde umgebaut, und Festivaldirektor Gerhard Kämpfe hatte alle Hände voll zu tun, die Baufirmen zu Pausen zu überreden.

Tenöre und Geiger sollten nicht mit Presslufthämmern wetteifern. Der Herr Direktor war ein gern gesehener Gast auf den Baustellen, vor allem, wenn er ein paar Kisten Bier dabei hatte.

Hits aus 350 Jahren Musikgeschichte

Wer hätte gedacht, dass sich das Open-Air-Fest zum Dauerbrenner entwickeln würde? Heute beginnt die Jubiläumsausgabe, präsentiert von der Berliner Morgenpost. Bis Dienstag feiert das Publikum "20 Jahre Classic Open Air". Jetzt sagen alle: "Kein Wunder, dass dieses Festival so gut läuft. Der Platz bietet sich einfach an." Vor zwei Jahrzehnten war das anders. "Ich wurde von allen Seiten für verrückt erklärt, auch die Künstler reagierten sehr zögerlich", lacht Kämpfe. Weil er ein Manager mit Weitblick und Überredungsgabe ist, fand im Sommer 1992 aber doch das erste "Classic Open Air"-Konzert mit José Carreras statt. Der Baustopp war geregelt, die Stimmung fantastisch. José Carreras, gerade von seiner Leukämie genesen, gab einen denkwürdigen Abend.

Nach einem halbstündigen Zugabenmarathon wollte Gerhard Kämpfe das Konzert beenden, doch der Tenor fragte nur: "What means 'Are you tired' in german?" Kämpfe erwiderte: "Sind Sie müde?", Carreras drehte sich um und rief ins Publikum: "Sind Sie müde?" Natürlich schrien alle "Nein!", und der Zugabenreigen ging noch eine halbe Stunde weiter. José Carreras kehrte immer wieder auf den Gendarmenmarkt zurück. Viele Künstler sind inzwischen zu Stammgästen des "Classic Open Air"-Festivals geworden. Das gilt auch für die Scorpions, Anna Maria Kaufmann, José Cura und Barbara Krieger, die in diesem Jahr vor bis zu 7000 Musikfreunden singen. Für Gerhard Kämpfe und seinen Partner, den Geschäftsführer Mario Hempel, ist der klassische Begriff ein weites Feld. Neben Opernabenden und Sinfoniekonzerten gehören für sie auch Musical, Filmmusik und sogar Pop dazu.

"Deshalb schreiben wir Classic mit C und nicht mit K", erklärt Kämpfe. Auch ein bekannter Rocktitel oder ein Swing-Evergreen kann etwas Klassisches haben. "Allerdings treten auch Rock- und Popgruppen bei uns immer mit großem Orchester auf." Die große musikalische Bandbreite gehörte 2006 auch zur Begründung der Jury bei der Verleihung des LEA, des Live Entertainment Awards, an die Veranstalter des "Classic Open Air"-Festivals. Natürlich setzen sie auf die großen Namen und Hits aus 350 Jahren Musikgeschichte. "Wir 'verstecken' im Programm aber auch wertvolle Werke, die zu Unrecht weniger populär sind", betont Kämpfe. Herbert Feuerstein und zahlreiche Solisten bieten bei der "First Night" heute die Höhepunkte aus den letzten 20 Jahren - von der Feuerwerksmusik bis zum Walkürenritt und "New York, New York". Für die morgige "Italienische Nacht" hat José Cura ein paar Überraschungen versprochen.

Der schwarzgelockte Tenor aus Argentinien will nicht nur Arien von Verdi und Puccini singen, sondern auch dirigieren. Seine Gesangspartnerin Barbara Krieger ist schon ganz gespannt. Am Sonnabend gibt es gleich zwei Konzerte auf dem Platz. Vormittags steigt das Kinder-Klassik-Abenteuer "Nola Note auf Orchesterreise". Abends tauchen die Festivalzauberer Carl Orffs "Carmina Burana" in ein Meer aus Licht und Laser. Davor erklingt das "Credo" des polnischen Komponisten Henri Seroka, der früher einmal mit Schlumpfliedern bekannt geworden ist.

22 000 Stammkunden in der Kartei

Anna Maria Kaufmann präsentiert am Sonntag einen launigen musikalischen Wettstreit zwischen Musical und Operette. Von ihrer Welttournee unternehmen die Scorpions einen Abstecher zum rocksinfonischen Montags-Konzert auf dem Gendarmenmarkt. Das Royal Philharmonic Orchestra London und Dominique Horwitz setzen am Dienstag mit den James-Bond-Filmmusiken einen spannenden Schlussakzent unter das farbenfrohe Jubiläumsfest.

Publikumsumfragen haben gezeigt, dass der weitaus größte Teil der "Classic Open Air"-Gäste sonst keine klassischen Konzerte besucht. "Sie erleben diese ungezwungene Open-Air-Atmosphäre", erklärt Festivaldirektor Gerhard Kämpfe. "Vielleicht können wir ihnen damit die Schwellenangst nehmen. Wir möchten ihnen die klassische Musik auf leichte Art näher bringen." Inzwischen gibt es eine Kartei mit 22 000 Stammkunden, auch aus England, Japan und den USA. Die Bühne ist auf dem Platz mehrfach umgezogen. Sie ist im Lauf der Jahre größer und regenfester geworden. Die lockere, ausgelassene Festival-Atmosphäre und die Programmkonzeption sind noch dieselben wie vor zwanzig Jahren.

Für Gerhard Kämpfe ist das Open-Air-Festival zum Lebenswerk geworden. Seine 230 Mitarbeiter haben in den letzten Tagen wieder die Bühne gebaut, Kabel gelegt, Scheinwerfer gehängt, das Mischpult aufgestellt und die Proben begleitet. Nun ist alles bereit, und der Herr Direktor hat "Schmetterlinge im Bauch". Aber wenn dann das Wetter strahlt, führen die Schmetterlinge einen Freudentanz auf.