Drei Schwestern

Die Liebe in den Zeiten des Frostes

Wer je drei Wochen in Horumersiel saß, kennt das Problem: Oh wäre man doch in Berlin! Weitaus heftiger überfiel diese Sehnsucht nach Großstadt jene Parasiten der russischen Gesellschaft, die den ganzen Sommer auf ihren öden Landgütern verbrachten.

Noch schlimmer trifft es die drei Schwestern in Tschechows berühmtem Drama, das Wort "Moskau" wird für sie zur Metapher eines geradezu utopischen Glücks. Tschechow malt ausführlich dieses Lebensgefühl, dieses Dasein ohne Sinn. Ein durchaus aktuelles Stück.

Vielleicht beruht auf dieser Aktualität auch der Erfolg von Peter Eötvös' Vertonung der "Drei Schwestern" (Originaltitel "Tri Sestri", weil russisch gesungen). Die Oper erlebte 1998 in Lyon ihre Uraufführung und seither weltweit 15 Inszenierungen, die letzte am Münchner Prinzregententheater 2010. Die koproduzierende Berliner Staatsoper zeigt diese Inszenierung jetzt im Schiller-Theater. Es ist bestes zeitgenössisches Musiktheater - mit allen handelsüblichen Vor- und Nachteilen.

Zuerst das Positive: Eötvös hat die "Drei Schwestern" mit einer funkelnden Partitur ausgestattet. Sie bietet herrlich changierende Instrumentalfarben, wenig atonalen Krach und viel Lyrisches. So gehören die Arien und Duette, die Eötvös den unglücklichen Liebespaaren widmet, zu den Höhenpunkten dieser modernen Oper. Diese Szenen gehen unter die Haut. Das junge Sängerensemble leistet großartige Arbeit in musikalischer wie darstellerischer Hinsicht. Die Rollen der verschreckten Irina (Elvira Hasanagic) und der leidenschaftlichen Mascha (Anna Lapkowskaja) sind ebenso überzeugend besetzt wie der aalglatte Werschinin (Franz Schlecht) und der halbseidene Tusenbach (Benjamin Appl). Jeder liefert scharf geschnittene Charaktere ab, wobei sie der Komponist durch die Zuordnung einzelner Instrumente unterstützt.

Eötvös extrahierte aus den vier Akten drei Szenen, in denen die Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Dadurch gerinnen Ereignisse wie das für Tusenbach tödlich verlaufende Duell leider zur Marginalie. Glücklicherweise überspielt die Personenregie diese Schwächen des Librettos souverän, Rosamund Gilmore vertraut auf das Profil der tschechowschen Personen und das Können ihrer Darsteller - nichts ist manieristisch übersteigert, nichts psychologisch geplättet. Dass Gilmore vom Tanz kommt, gereicht der Inszenierung zum Vorteil. Eötvös komponierte nämlich mit minimalistisch erstarrenden Strukturen, ein Symbol der Frostzustände im zaristischen Russland, und diese starken musikalischen Imaginationen weiß die Regisseurin in eine originelle Choreografie zu übersetzen.

Bühne und Kostüme fallen dezent aus. Schade nur, dass auf die üblichen Tschechow-Requisiten wie Birken und Riesellaub nicht verzichtet wurde. Die Konzertmuschel geht als Symbol der gesellschaftlichen Verhältnisse halbwegs durch. Problematischer ist schon, dass darunter das Bühnenorchester sitzt. Das nimmt der Staatskapelle unter Julien Salemkour und Co-Dirigent Joachim Tschiedel etwas von ihrer Aura. Trotzdem: Die Vorzüge überwiegen bei weitem! Hervorragende Werbung für zeitgenössisches Musiktheater.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110. Tel. 20 35 44 83. Wieder am 6.7., 19 Uhr.

Meistgelesene