Ausnahme-Musikerin

Das Mädchen, das sich in einen Bass verliebte

Bei der diesjährigen Verleihung der amerikanischen Musik-Oscars soll Justin Bieber schon ein bisschen dumm aus der Wäsche geschaut haben. Er verlor den Grammy als bester Nachwuchskünstler ausgerechnet an eine junge Frau, die nicht nur bei den meisten Pop-Hörern weitestgehend unbekannt ist, sondern auch noch ausgesprochen seltsame Dinge tut.

Kontrabass spielen. Dabei singen. Und dann auch noch improvisieren.

Kurzum: Bei den Grammys geschah in diesem Jahr etwas ganz und gar Extraordinäres. Zum ersten Mal in der Geschichte des Preises wurde mit Esperanza Spalding eine Jazzmusikerin zur größten Hoffnung der Musikindustrie ausgerufen. "Es war schon eine große Ehre, überhaupt nominiert zu sein", erinnert sich die 1984 in Portland/Oregon geborene Musikerin, und nein, Justin Bieber habe sie nach der Show nicht trösten müssen. "Wir hatten eine nette Unterhaltung, er ist ein guter Kerl."

Obama nahm sie mit nach Oslo

Natürlich: Mit so einem Namen kann ja eigentlich auch nichts schief gehen. Esperanza bedeutet Hoffnung - aber dass das Mädchen mit den afroamerikanischen, walisischen, indianischen und spanischen Wurzeln einmal für den Präsidenten der Vereinigten Staaten spielen würde (Barack Obama nahm sie als musikalisches Aushängeschild mit zur Friedensnobelpreis-Verleihung nach Oslo), wurde ihr nicht unbedingt an der Wiege gesungen. Als Tochter einer allein erziehenden Mutter wuchs Spalding in einem Problembezirk in Portland auf. Glücklicherweise gab es Yo-Yo Ma. Als die Vierjährige den Cellisten in einer Kinderfernsehsendung sah, war es um sie geschehen. Das musikalisch hoch talentierte Mädchen brachte sich autodidaktisch das Geigenspielen bei, wurde Mitglied des Landeskammerorchesters von Oregon und stieg mit 15 bereits zur Konzertmeisterin des Ensembles auf. Dann aber kam ihr die Liebe ihres Lebens dazwischen. In der Schule habe sie sich einmal aus Spaß einen Kontrabass gegriffen, erinnert sich Spalding, ein Lehrer zeigte ihr ein paar Walking-Bass-Linien. "Das war's! Ich befand mich wie ein Fisch am Haken. Dieser Resonanzkörper, die Möglichkeiten, darauf zu improvisieren - es ist ein wirklich mächtiges Instrument."

Und in der Tat: Die beiden verstehen sich ausnehmend gut - der mächtige Bass, der laut Spalding "so aussieht wie Mama und so spricht wie Papa" und das zierliche Wesen mit Angela-Davis-Gedenkfrisur, das dem Instrument die erstaunlichsten Laute entlockt.

Wer Spalding bei ihrem ersten Berlin-Auftritt vor drei Jahren erlebte, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur, dass die junge Musikerin mit frappierender Virtuosität übers Griffbrett huschte, das gefühlt mindestens doppelt so dick wie ihre schmalen Ärmchen ist. Sie sang auch noch dazu, mit einem glasklaren vibratolosen Sopran, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Singende Kontrabassisten: Diese Einhorn-Kombination scheint momentan das Geheimrezept im Jazz zu sein. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man neben Spalding den israelischen Bassisten Avishai Cohen hört, der unlängst beim Berliner Festival "Sounds No Walls" im Jüdischen Museum brillierte. Cohen und Spalding gelingt es mühelos, die Virtuosität der Improvisationsmusik massentauglich aufzubereiten - ohne dass die Seele auf der Strecke bliebe.

Spalding findet es nicht sonderlich außergewöhnlich, was sie da macht. Sie habe schon immer während des Spielens gesungen, erklärt sie. Allerdings halte sie sich nicht für eine Sängerin - sie sei nach wie vor dabei, die Möglichkeiten ihrer Stimme auszuloten und die dahinter liegenden Mechanismen zu begreifen. "Im Grunde ist es wie Klavierspielen, da benutzt man auch gleichzeitig die rechte und die linke Hand." Die Bassistin weiß, wovon sie spricht. Tyner, der langjährige Piano-Gefährte John Coltranes, gehört zu den Jazz-Großmeistern, mit denen Spalding bereits die Bühne teilte. Es war auch niemand Geringeres als Gitarrist Pat Metheny, der die Unentschlossene einst bekniete, doch bitte bei der Musik zu bleiben, statt Politikwissenschaften zu studieren. Denn sie habe etwas ganz Besonderes, sagte ihr der Weltstar. Was übrigens auch Prince meint, der die Bassistin als Genie bezeichnet.

Da baut sich natürlich ein gewisser Druck auf. Zum Glück aber hat Spalding bislang alles richtig gemacht. Trotz ihres Aussehens und ihrer gesanglichen Fähigkeiten lässt sie sich nicht als Jazzpüppchen vermarkten, das im Abendkleid nette Broadway-Standards trällert. Gewiss: Die Bassistin fühlt sich durchaus der Geschichte der improvisierten Musik verpflichtet, höflich weist sie auf die Bedeutung der Altvorderen hin. "Meine Generation hat einen großen Respekt vor denen, die vor uns kamen. Aber jetzt ist es an uns, die Grenzen auszuweiten und unsere Einflüsse einzubringen - sei es Pop, Funk oder brasilianische Rhythmen."

Das sind keine leeren Worte, wie ihre beiden bis jetzt erschienenen CDs belegen, die sich fernab vom gepflegt swingenden Mittelklassejazz bewegen. Da vertont Spalding Gedichte des Frühromantikers William Blake, setzt sich fantasievoll mit dem Tango Nuevo auseinander - und lässt, als Zeichen ihrer immer noch großen Zuneigung für die Klassik, ein Streicher-Trio mit einem Jazz-Trio interagieren.

Mit dieser Besetzung kommt Spalding jetzt auch nach Berlin, um ihr aktuelles Album "Chamber Music Society" zu präsentieren. "Man könnte sagen, dass es sich dabei um eine neue Form von Kammermusik für moderne Zeiten handelt."