Ausstellung

Traumwelten in einer Minute

Es gibt die Puristen, die sich gern mit weißer Leere umgeben. Und es gibt die Sammler, die ihr Leben lang mit vielen Dingen und Objekten zubringen. Die Berliner Ostkreuz-Fotografin Sibylle Bergemann gehörte zur letzt genannten Spezies. Sie hatte ein Faible für Verkleidungen, altmodische Mieder, Engelsflügel, Handschuhe, Puppen und Fotos.

Nicht die Perfektion der Oberflächen bei Aufnahmen reizte sie, sondern der Charme des Morbiden, jene Dinge im Unfertigen, das Vage, das Kaputte, wie das angeschlagene Gesicht einer verblassten Porzellanpuppe. Den Bund weißer, kopfnickender Tulpen in einer Vase im Flur, die wir einmal in ihrer Wohnung entdeckten, ja, bei ihr waren diese Blumen nicht verwelkt, sondern hatten die Aura einer ganz eigenartigen Schönheit im Übergang. Gestapelte Teetassen in einer Vitrine wurden bei ihr zu einem seltsamen Stillleben.

Die Schau war längst fällig in Berlin

Wer sie je in ihrer Altbauwohnung am Schiffbauerdamm besucht hatte, die sie später verlassen musste, erkannte schnell am Interieur, am Arrangement der Möbel oder der eigenwilligen Draperie der Tischdecke, den unverwechselbaren Stil ihrer Fotografie. "Es war irgendwie eine Traum- und Fantasiewelt. Aber es war eine Ästhetik mit kleinen Gemeinheiten!", findet ihre Tochter Frieda von Wild, die seit dem Tod ihrer 69-jährigen Mutter im vergangenen Jahr deren umfangreichen fotografischen Nachlass aufarbeitet. Aus ihrer Trauerarbeit ist nun die erste große Berliner Schau der Fotokünstlerin entstanden, die zu DDR-Zeiten zu den bedeutendsten Modefotografinnen zählte. Eine wunderbare Ausstellung, die längst fällig war in Berlin. Zu sehen sind erstmals ausschließlich Polaroids, und damit die andere, "buntere" Bergemann. Ihre Polaroids verwahrte sie in hübschen Kartons, wie man sie aus der Papeterie kennt. Wie "kleine Schätzkästchen" lagen diese überall im Haus verstreut herum. Auch heute noch, Monate nach Bergemanns Tod, findet ihre Tochter Frieda immer noch weitere Schächtelchen mit ihren Fotos.

Bis zum Fall der Mauer fotografierte sie meistens in Schwarzweiß, mit der Wende kehrte Farbe ein, vor allem in den Länder- und Reisereportagen für Magazine wie Geo. Mit den Polaroids begann Bergemann in den Siebzigern, anfangs waren diese Sofortbilder eine Art Testballon für ihre Modefotografien. "Ich drücke drauf, um zu sehen, was ich gesehen habe", sagte sie einmal. Bald merkte sie, welche poetisches Eigenleben und atmosphärische Dichte diese Aufnahmen tatsächlich entwickelten. Das Ineinanderfließen der Farbschichten, das Konturlose, die malerische Qualität, das war es, was sie so einnahm für diese Sofortbilder. Hinzu kam, dass diffuses Licht bizarre Stimmungen hervor rief.

"Wenn ich zu einem Thema hundert Bilder mache, von denen das mit der größten Wahrheit unscharf ist, biete ich eben das Unscharfe an." Im Unscharfen lag für sie das Verborgene. Heute sind die Polaroids, Hunderte gibt es, längst eine unabhängige Werkgruppe in ihrem umgangreichen Oeuvre. "Fotografische Notizen einer Romantikerin", so nennt es Jutta Voigt im Vorwort des Kataloges. Auch andere Künstler und Fotografen erkannten die Vorzüge des Mediums Polaroid, Andy Warhol, Helmut Newton, Robert Rauschenberg, Julien Schnabel, Robert Mapplethorpe und Annie Leibovitz.

Es sind anrührende, betörende Bilder, die wir bei C/O zu sehen bekommen. Viele wirken wie aus der Zeit gefallen. Das Mädchen mit dem Krönchen auf dem Kopf im wilden Garten von Margaretenhof bei Gransee. Die rätselhaften, damenlosen Hackenschuhe auf dem Boden. Die weißen Schwäne als Wassertretbote. Das lange rote Kleid an der weißen efeuumrankten Wand. Lily, ihre Enkelin, im Bärenkostüm von hinten. Heute ist aus der Kleinen eine junge Frau geworden, und ihre Oma lebt nicht mehr. Ein Höhepunkt mit diesem Medium war sicher die Serie mit den kostümierten, behinderten Schauspielern des Berliner Theaters Ramba Zamba. Ursprünglich waren sie als Dokumentation für die Kostümbildnerin gedacht. Diese Bilder sind von einer unglaublichen Weichheit, authentischer und individueller können Fotos kaum sein.

Und: Jede Aufnahme ist einzigartig, weil kein Negativ existiert. Ein Polaroid ist ein Unikat. Genau das hat diese Fotografie - Erfinder war Edwin Land - einst so berühmt gemacht. In einer Zeit der schnellen Bildmanipulation, wirkt diese Unmittelbarkeit, das Irreversible, das keine Retusche zulässt, wie ein nostalgisches Relikt aus einer vergangenen Welt. Das ist wohl auch der Grund, warum die Polaroids derzeit eine Renaissance erleben.

Polaroid, das war ein Markennahme

Polaroid, das war ein Markenname, den einmal jeder kannte. Bis die Digitalkameras kamen. Wie viel Poesie steckte einmal in diesen etwas unhandlichen Plastikkästchen. Einfach den Auslöser drücken, das Surren gehörte zum Geheimnis, Foto langsam rausziehen, heftig durch die Luft wedeln, und langsam schauen, wie die Personen darauf Kontur annahmen und aus dem Bild "wuchsen". Etwa eine Minute brauchte das, manchmal schien das Warten wie eine Ewigkeit.

Für Sibylle Bergemann gehörte dieses Warten zum künstlerischen Reiz. Stets trug sie ihre Polaroid-Tasche mit sich herum. Sie war immer gerüstet, für den nächsten Augenblick, das nächste Motiv, das irgendwo auftauchen konnte, ganz unverhofft an der nächsten Straßenecke, im Garten, im Gespräch. "Wenn sie gekonnt hätte", erzählt ihre Tochter Frieda von Wild, "hätte sie noch auf dem Sterbebett fotografiert."

C/O Postfuhramt , Oranienburger/Ecke Tucholskystraße, Mitte. Tägl. 11-20 Uhr. Bis 4. Sept. Katalog (Hatje Cantz): 29,80 Euro.