Konzert

Jazz hält jung: Chick Corea mit Band in der Zitadelle

Applaudierende Anteilnahme während des Konzerts am Freitagabend in der Zitadelle Spandau. Schlagzeuger Lenny White, ein mächtiger Mann mit blauem Piratenkopftuch, nimmt sich das Mikrofon und beschwert sich über den Werteverfall.

In Amerika gebe es nur noch Boy Groups und überhaupt wisse doch niemand mehr, wie man ein Instrument spiele, so der Drummer der legendären Jazzrock-Formation Return To Forever. So viel Kulturkritik darf ja wohl noch erlaubt sein. Er und seine Gesellen hier - sie seien eine "Man Group" sowie "the last band standing", also die letzten Aufrechten. Mag Whites Pauschalverurteilung der Jugend möglicherweise ein wenig undifferenziert sein - im letzten Punkt hat er zweifellos Recht. Denn Return To Forever ist die letzte Supergruppe aus der goldenen Gniedel-Zeit der 70er Jahre. Die größten Konkurrenten - Weather Report oder das Mahavishnu Orchestra - sind längst Geschichte. Der Großmeisterzusammenschluss Return To Forever aber, der vor 40 Jahren vom Pianisten und Keyboarder Chick Corea gegründet und sechs Jahre später wieder aufgelöst wurde, feierte 2008 sein Comeback.

Corea, White, Bassist Stanley Clarke, Geiger Jean-Luc Ponty und Gitarrist Frank Gambale spielen Klassiker der Bandgeschichte und Hits der einzelnen Musiker wie "Señor Mouse", "After the Cosmic Rain", "Romantic Warrior", "Renaissance" oder "School Days" wie am Schnürchen herunter - und das, obwohl die Kompositionen mit all ihren barocken Verschachtelungen, irrwitzigen Breaks und Tempi-Wechseln hochkomplexe Angelegenheiten sind. Der Gefahr, wie abgehalfterte Rockstars auf der Suche nach der guten alten Zeit zu wirken, begegnen Corea, der gerade 70 geworden ist, und die Seinen mit der Lockerheit des Jazz. P-Funk trifft auf Latin, Westcoast-Pop auf Kaffeehaus-Schmelz, hymnischer Stadionrock auf Bebop-Irrsinn. So war das in den 70ern, als man an die Vermischung aller Stile glaubte. Das Schöne am Return To Forever-Kollektiv der Gegenwart ist, dass man es seltsamerweise nicht mit Angebern zu tun hat. Auch wenn Corea, Ponty und Clarke mit zuweilen wahnsinniger Geschwindigkeit über die Moog-und Flügel-Tastatur, das Geigengriffbrett und den E- und Kontrabasshals rasen, so zeigen sie immer ein Gespür für die Melodie und ein offenes Ohr für die Einwürfe der anderen. Das überträgt sich auch auf die Zuhörer. Bei Chick Coreas "Spain" singt die Menge die Themenvariationen des Pianisten mit - ganz so, als befände man sich auf einem Boy-Group-Konzert.