Festival

Daniel Barenboim setzt auf Lieder und Gedichte

Ganz am Ende der Musik-Saison erklingt ihr Höhepunkt: das kleine Festival "Infektion!", das Barenboim mit einigen Mitgliedern der Staatskapelle und seines West-Eastern Divan Orchestra durchführt.

Zum Auftakt gab es im Schiller-Theater die deutsche Erstaufführung von "What are years": fünf Lieder auf Gedichte von Marianne Moore, der großen amerikanischen Lyrikerin, die der über hundertjährige Elliott Carter vor zwei Jahren komponiert hat. Eigentlich dauert das ganze nur eine Viertelstunde. Aber nicht bei Barenboim! Er lässt sie zunächst von seiner wundersamen, bezaubernden Solistin Anna Prohaska in deutscher Übersetzung vorlesen. Nach jedem Gedicht beginnt sie dann, es in seiner Liedform zu singen, von Barenboim und seinen ausgezeichneten Musikern dabei begleitet. Am Ende des Zyklus gibt es überdies ein Encore: der gesamte Zyklus erklingt zum nachhaltigeren Kennenlernen ein zweites Mal.

Elliott Carter ist ein Tüftler, Erfinder und Entdecker. Seine fünf Lieder gehen höchst unterschiedliche musikalische Wege. Mitunter scheint es sogar, als habe Carter sich nicht sonderlich für ihre poetische Haltung interessiert, sondern einzig für die Musik, die er in stark wechselnder instrumentaler Besetzung auf ihrem Rücken errichtete. Aber diese Musik versteht durchgehend zu fesseln. Man weiß nie, was der nächste Takt wohl anstellen wird, welche Instrumente ihm beispringen werden. Das zweite Lied wird nachdenklich und gemächlich einzig von Harfe und Solo-Cello begleitet, das vierte Lied ist ein sich geradezu selbst verzehrender Kurzbrenner. Er saust in Windeseile aus Prohaskas unternehmungslustig furchtloser Kehle. In ihrer Frische, Anmut und dahinperlender Singsinnlichkeit ist sie für Carter die Idealinterpretin. Sie sah sich vom Publikum auf Anhieb ins Herz geschlossen.

Dann aber kam Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" zur Aufführung, das der Kriegsnot entsprungene, auf raffinierteste Weise musikalisch dahinerzählte Gedicht vom leider siegreichen Kampf des Teufels gegen die Unschuld. Es geht um Liebe, Gier, Hass und Geigerei. Für die Violine in des Teufels oder der Unschuld Händen war der fabelhafte Guy Braunstein, 1. Konzertmeister der Philharmoniker, gastweise zuständig. Er spielte wahrhaft teuflisch sein kostbares Instrument.

Der Held des Abends aber war unstreitig Patrice Chéreau. Er, der seit Bayreuther Tagen durch seinen "Jahrhundert-Ring" unvergessliche Regisseur, trat mit Papierbündeln in den Händen als Sprecher von höchster dramatischer Eindringlichkeit auf. Er riss seine Texte wie mit Krallenhänden aus der Luft, aus dem Boden. Er servierte ihn im französischen Original, ohne dass man auch nur versucht hätte, den deutschen Text auf die Rückwand der Bühne zu projizieren oder wenigstens im Programmheft abzudrucken. So rezitierte Chéreau, gelegentlich von einigem Gehuste unterbrochen, seine Rolle. Er lehrte im Nebenbei, worin die einzigartige Kraft seiner Inszenierungen besteht: er gibt jeder einzigen Silbe ihr volles dramatisches Recht und versteht diesen Nachdruck auf seine wechselnden Ensembles zu übertragen.