Kunstsache

Chinesische Ess-Stäbchen können Pop sein

Vielleicht wirken die Bilder auf den ersten Blick etwas einfach. Und doch ist bei Antje Majewski nichts, wie es scheint. Als ich etwas länger hinschaute, fielen mir an ihren Motiven kunsthistorische Referenzen auf: Auf einem der Gemälde schaut eine nackte Frau in die Öffnung einer übergroßen Muschel - sie sieht aus wie eine gestrandete Version von Botticellis Venus.

Auf einer anderen Leinwand sitzt ein junger Mann mit blonden Locken so entspannt auf einem Stuhl, als hätte ihn die Künstlerin aus einem Bild von David Hockney ausgeborgt. Daneben hat Majewski eine Vitrine mit allerlei rätselhaften Gegenständen gemalt: eine gemaserte runde Holzdose etwa, oder eine grünliche Osagedorn-Frucht. Davor wieder die Muschel. Die Vitrine enthält den Schlüssel zur Ausstellung: Die Berliner Künstlerin ist den Geschichten der Objekte gefolgt, so wie ich in der Galerie Neugerriemschneider nun einem Gespinst farbiger Stromkabel folgte, das mich in einen zweiten Raum leitete. Die Spur der Osagedorn-Frucht führt mitten hinein in die Biografie des Osage-Indianers John Joseph Mathews, der in Oxford studierte, nur um später in seine Heimat zurückzukehren und im Einklang mit der Natur zu leben. Majewski hat in der Schau Mathews Wohnzimmer nachgebaut - mitsamt dem Video eines prasselnden Kaminfeuers und lateinischem Sinnspruch im Sims: "Zu jagen, zu baden, zu spielen, zu lachen, das heißt zu leben." Ein wertvoller Gedanke, so schien es. Und ein herkömmliches Bild in Öl auf Leinwand war der erste Schritt dorthin gewesen. (Bis 13. August, Linienstraße 155, Mitte)

Kann man Majewski eine gewisse romantische Haltung nicht absprechen, so ist die Kunst von Isabell Heimerdinger Pop - allerdings in der Ess-Stäbchen-Variante. Ihre Ausstellung bei Mehdi Chouakri hinterließ bei mir den Eindruck, als sei ein konzeptueller Tsunami durch ein China-Restaurant getobt. Alles passt irgendwie zusammen, aber nichts ergibt mehr richtig Sinn. Am Anfang steht ein Paravent, der aber kein einfacher Raumtrenner ist, sondern ein Spezialschirm, mit dem bei Filmdrehs Lichteffekte im Raum erzeugt werden. Dahinter befanden sich fünf Podeste, auf denen sich iPads locker an fernöstlichen Nippes anlehnten: eine Buddha-Statue, eine grüne Mao-Figur, zwei Aschenbecher in Form des Pekinger Olympiastadions. Auf den iPads lief Heimerdingers Video "Good Friends". Darin sieht man zwei Menschen in einem Restaurant essen, die Plätze tauschen und das Essen ihres Nachbarn verspeisen, als wäre das die normalste Sache der Welt. Auslöser für die Ausstellung der Berlinerin war eine Reise nach China. Die Begegnung mit einer fremden Kultur erzählt sie nun noch einmal in den vereinfachten Gesetzen des Kinos nach - und man weiß nicht, ist es Slapstick, ist es Arthouse-Film oder ist es einfach nur großartig? (Bis 30.7., Invalidenstraße 117, Mitte)

Die dritte Künstlerin, die sich für eine Einzelausstellung ins Zeug legt, ist Heike Aumüller bei Meyer Riegger. Aumüller turnt offensichtlich gern für Fotos unbekleidet auf den Möbeln ihrer Wohnung herum oder setzt sich eine Pferdemaske auf und vollführt mit einem Partner ein Synchrontänzchen. In einem Video verprügelt sie mit Boxhandschuhen die Kameralinse. Daneben hat sie an eine Ausstellungswand mit schwarzer Schuhcreme ein abstraktes Gemälde gebürstet. Dass das alles Kunst ist, steht außer Frage. Aber was es soll, begreift man nicht so ganz. Der in jeder Hinsicht bahnbrechende US-Künstler Bruce Nauman hat ähnliche Körper-Kunst schon vor Jahrzehnten gemacht - und vor allem besser. (Bis 30.7., Friedrichstraße 235, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien