Theater

Goethes Tasso tummelt sich jetzt auf dem Kunstmarkt

Vor 1989 sahen wir am Deutschen Theater, "Torquato Tasso", Goethes scharf geschliffenes Debattierstück über "die Disproportionen des Talents mit dem Leben", als packendes Polit-Drama vom Aufeinanderknallen von eherner Macht und freiem Künstlertum (Regie: Friedo Solter). Nach 1989 sahen wir dort dasselbe Stück als Kabarett.

Das Künstlergenie wie ein durchgeknallter Gartenzwerg zur originellen Dekoration im braven Bürgergärtlein (Regie: Alexander Lang).

Jetzt, im Theaterdiscounter, hat Regisseur Georg Scharegg aus dem Renaissance-Literaten Tasso einen erfolgreichen Maler gemacht (hoch erhitzt und tätowiert: Cornelius Schwalm), der sich im heutigen Kunstmarkt tummelt. Und aus dem mäzenatischen italienischen Fürstenhof zu Ferrara wurde der nicht minder feudale Berliner Galeriekommerz: Eine wohlfeil schicke Galeristen-Clique (Kerstin Schweers, Ursula Renneke, Christian Ahlers, Alexander Maria Schmidt), zelebrierend die Ausstellungseröffnung seines Stars Tasso. Dabei kommt es zu sarkastischen Diskussionen über die Autonomie der Kunst und die (absatzorientierten) Anforderungen der Markt-Wirklichkeit. In seiner Verzweiflung, aber auch, um sich im Geschäftlichen spektakulär zu behaupten und den Marktwert zu halten, greift unser Tasso von nebenan bemerkenswert opportunistisch ganz tief in die Kiste mit den Formulierungen aus dem griffig grotesken Kunst-Theorie-Blabla.

Das ist einigermaßen komisch. Doch Tasso verwandelt sich dabei vom Gegenpol des Establishments zu dessen Mitmacher. Somit verspielt sich zunehmend das Tragische, das hinter Goethes klassischem Teetisch-Disput um die zentrale Kunst- und Lebensfrage steckt: "Ist erlaubt, was gefällt?" oder "Ist erlaubt, was sich ziemt?" Aus der Redeschlacht des Klassikers wird eine hübsch zeitgeistige Feuilletondebatte. Die entlarvt amüsant deren schöngeistige Verkopftheit als Marketing-Trick. Und beweist: Der provokative Kreative ist wie dessen schlauer Vermarkter Teil des gleichen Systems. Bei Goethe waren Künstler und Finanzier noch herzergreifend dramatische Gegensätze. "Tasso. Das Reden über die Kunst", so die Firmierung der kurzweiligen Veranstaltung (80 Minuten), ist eine hübsch giftige Hintergrund-Illustration des gespreizt intellektuellen Überbaus der Kunst-Schau "Based in Berlin" sowie solcherart Ereignisse überhaupt.

Theaterdiscounter , Klosterstraße 44, Mitte. Tel. 28 09 30 62. Termine: 3., 7.-9. und 28.-30. Juli; 3.-5. August, 20.30 Uhr.