Sebastian Urzendowsky

Von Berlin nach Hollywood

Eines Tages kam der Anruf. Völlig unvorbereitet. Peter Weir möchte ihn gern treffen. Weir, das ist doch der Regisseur von Filmen wie "Die Truman Show" und "Der einzige Zeuge"! Ja, gibt Sebastian Urzendowsky zu, da hatte er ein wenig Muffensausen, als er dem Australier, der in 40 Jahren nur 15 Filme gemacht hat und doch kultisch verehrt wird, gegenüber treten sollte.

Aus Geheimhaltungsgründen wusste er noch nicht einmal, worum es ging. Das Drehbuch wurde ihm erst im Ritz Carlton gegeben, eine Stunde vor dem Treffen. Also setzte er sich in die Lobby, stöpselte sich Ohropax in die Ohren und paukte den Text. Aber als er dem Regie-Gott schließlich gegenübersaß, legte sich die Aufregung. "Irgendwie war der auch nicht größer als Iris Berben."

Und so spielt der 26-jährige Berliner nun, als einziger Deutscher, in der 30-Millionen-Dollar-Produktion "The Way Back", der seit Donnerstag in unseren Kinos läuft. Peter Weir ist durch "Die Fälscher" auf den jungen Berliner aufmerksam geworden, Stefan Ruzowitzkys KZ-Drama, das als deutscher Beitrag auf der Berlinale lief und als österreichischer Film 2008 den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann. Urzendowsky spielte darin einen KZ-Insassen und jetzt, bei Weir, einen Gefangenen im sibirischen Gulag. "The Way Back" handelt von den unmenschlichen Umständen dort und, nach einer wahren Begebenheit, von der Flucht von sieben Häftlingen, die sich auf einem endlosen Fußmarsch bis nach Indien durchschlagen. Urzendowsky spielt einen von ihnen, einen 17-jährigen Polen. Da mag auch sein Nachname geholfen haben.

War das nun etwas anderes, mit Hollywoodstars wie Ed Harris und Colin Farrell zusammen zu arbeiten? "Ja", gibt er zu, "da war so ein Respekt. Den haben die Leute auch verdient. Das darf aber nicht in Ängstlichkeit umschlagen." Dabei haben aber die Probenarbeiten geholfen. Die Schauspieler mussten lernen, wie man in der Wildnis überlebt. Sie mussten zusammen Holz fällen, Feuer machen, Hasen häuten. Und das bei eisiger Kälte. Da war am Ende des Tages nicht mehr wichtig, wer hier ein Star war.

Erfolg mit schwierigen Rollen

"The Way Back" ist Urzendowskys erste internationale Produktion. Sein Hollywood-Debüt. Strebt er jetzt eine Karriere drüben in den USA an? Nein, da bleibt er auf dem Teppich. "Sicher, wenn ein gutes Angebot kommen sollte, werde ich nicht ablehnen. Aber darauf baue ich nicht." Und so schnell will er auch keine Lagerrolle mehr annehmen. "Mein irischer WG-Mitbewohner feixt, dass ich schon wieder das juvenile victim spiele", schmunzelt Urzendowsky, "der kennt nur diese beiden Filme." Tatsächlich gab es kürzlich wieder ein solches Rollenangebot. Das hat er abgelehnt, schweren Herzens, aber "das wäre sonst zur Schublade geworden."

Seinen irischen Mitbewohner sollte er sich vielleicht einmal vornehmen. Denn trotz seiner 26 Jahre steht Sebastian Urzendowsky bereits seit 13 Jahren vor der Kamera. Und er hat nicht, wie so viele, mit irgendwelchen Teeniekomödien oder Vorabendserien begonnen. Gleich in seinem ersten Film "Paul is Dead" spielte er die Hauptrolle, damals noch als Sebastian Schmittke. Später fiel er, nun unter dem Mutternamen, in Dominik Grafs "Der Felsen" auf und in Hans Christian Schmids "Lichter". Und immer schon spielte er so komplizierte Rollen wie den jungen Knabenmörder Jürgen Bartsch in "Ein Leben lang kurze Hosen tragen", einen pädophil veranlagten Jugendlichen in dem Fernsehfilm "Guter Junge", einen Rachsüchtigen, der eine ganze Familie zerstören will ("Pingpong") oder einen Mann, der eine Frau sein will und 1936 bei der Olympiade in Berlin von den Nazis unterstützt wird - um eine jüdische Konkurrentin auszustechen ("Berlin '36"). Jede dieser Rollen war ein sicherer Gefahrenherd, bei dem man sich schnell hätte die Finger verbrennen können. Urzendowsky aber hat sie mit Bravour gemeistert. Er scheint solche Herausforderungen regelrecht zu suchen.

Im vergangenen Jahr hat er beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken einen Preis bekommen. Als Nachwuchsdarsteller. Für einen Kurzfilm. Eigentlich ein Witz für einen, der schon über zehn Jahre dreht. Und spätestens für "Pingpong" hätte ihm zumindest eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis zugestanden. Urzendowsky hat sich dennoch gefreut; zumal der Kurzfilm für die Ophüls-Jury nur ein Anlass war, ihn für seine bisherigen Leistungen auszuzeichnen.

Es ist aber auch ein Mysterium um ihn. Irgendwie gibt es nämlich zwei Urzendowskys. Wie er uns jetzt so gegenübersitzt, im Café Einstein Unter den Linden, wirkt er unscheinbar, schmächtig, viel jünger, fast schüchtern. In der Öffentlichkeit (die er scheut) wird er deshalb gern übersehen (was ihm ganz recht ist). Aber die Leinwand hat er, von Anfang an, mit einer Präsenz ausgefüllt, von der man nicht weiß, wo er das eigentlich hernimmt. Die Kamera scheint ihn zu lieben. Und ja, gibt er zu, wenn er vor ihr steht, fallen auch Hemmschwellen. Aber erst, wenn er sich mit dem Team vertraut gemacht hat.

Um den schnellen Erfolg ist es ihm nie gegangen. Schon als Teen hat er nur Angebote angenommen, die ihn auch wirklich interessierten. Und obwohl er längst gut im Geschäft war, hat er an der Universität der Künste in Berlin Schauspiel studiert. Weil man das braucht, wenn man ans Theater will. Und diese Chance wollte er sich nicht verbauen. Es gab an der UdK keine Extrawurst für ihn, die anderen Schüler waren ganz aufs Theater fixiert und wussten größtenteils, wie sein Mitbewohner, nichts von seinen Filmen. Da gab es also keinen Neid, keine Extrawurst. Seit vergangenem Jahr hat er jetzt seinen Abschluss in der Tasche und fühlt sich dadurch gefestigter. "Früher war das Spaß", sagt er, "jetzt ist es eine Berufung."

Den Namen will er nicht ändern

Dass es nach dem Preis und dem Diplom nicht gleich steil weiterging, verunsichert ihn nicht. Ihm geht es um Herzensangelegenheiten, lieber macht er mal Pause, als etwas zu drehen, zu dem er nicht stehen kann. Hat er eigentlich je überlegt, sich einen Künstlernamen zuzulegen? Sein Name prägt sich ja, vorsichtig gesagt, nicht gleich ein. Nein, auch da ist Urzendowsky ganz bestimmt. Er habe einmal "dieses Hickhack" mit der Namensänderung gehabt, und auch wenn der Name nicht einfacher geworden sei, der bleibt.

Man kann sich genüsslich ausmalen, wie sie wohl in den USA seinen Namen aussprechen. Aber da sieht er sich ja ohnehin nicht. Eher schon in Frankreich. Dort hat er bereits einen Kurzfilm gedreht, "Mes quatre mortz", und jetzt einen Langfilm, "Un amour de jeunesse", der im August auf den Filmfestspielen von Locarno gezeigt wird. Französisch spricht er gut, er war mal für ein Schuljahr dort. Und eine Zweitwohnung in Paris, das wäre noch ein Traum. Vielleicht findet sich dort ja auch ein Mitbewohner, der etwas cinephiler ist.