Programm

Französische Geistesflüge, leider mit erzdeutschem Orchester

Im Konzerthaus ein durch und durch französisches Programm, das Vorfreuden auf die bevorstehenden Ferien versprach. Am Anfang und am Ende zwei heißgeliebte Meisterwerke: zunächst die "drei sinfonischen Skizzen" von Claude Debussy, wie ihr Komponist in schier unüberbietbarer Bescheidenheit seine vielgespielte, populäre musikalische Dichtung "La mer" charakterisierte.

Am Ende dann Maurice Ravels nicht weniger bewunderte zweite Suite aus "Daphnis und Chloe". Musikalischer Luxus wird verschwenderisch hingebreitet. Zumindest auf dem geduldigen ProgrammheftPapier.

Zwischendrin zeigt man sich allerdings entdeckungsfreudiger. Des viel versprechenden, tragisch früh verstorbenen Guillaume Lekeus "Adagio für Streichorchester" hört man selten. Lekeu ging bei César Franck in die knappe Lehre. Doch Franck schied nach einem einzigen Jahr der Unterweisung dahin. Lekeu schien alles vorausgeahnt zu haben. Über seiner Musik kreisen sozusagen die Todesengel. Das kann man glücklicherweise vom Flötenkonzert des Jacques Ibert nicht sagen, zumal es der Solist Pirmin Grehl mit außerordentlicher Spiellust und feinstem Raffinement blies.

Ein französischer Dirigent, Alain Altinoglu, der sich in der Deutschen Oper gerade mit "Samson und Dalila" vorgestellt hatte, stand sachverständig am Pult. Aber leider saß bei soviel Frankreich ringsum ausgerechnet ein erzdeutsches Orchester zu seinen Füßen: Das hauseigene des Konzerthauses, zwar auf sorgfältige musikalische Wiedergaben trainiert, nicht aber gedrillt auf französischen Geistesflug, seine Schwerelosigkeit, seine zarte Brillanz, die ihm einkomponierte Gourmandise. Die will nun einmal herausgeschmeckt sein.

So konnte man nur erahnen, was Debussy musikalisch wie mit dem Silberstift hinzeichnen wollte: die Atmosphäre im Spiel der Wellen, in den mörderischen Dialogen zwischen Wind und Meer, die beide bekanntlich gar nicht miteinander befreundet sind. Natürlich flammte immer wieder auch die von Debussy unermüdlich visierte Klanschönheit auf. Sie neigte allerdings immer erneut zum Verpuffen, wenn sie sich nicht auf ziemlich rabiate Weise radikalisierte. Iberts Flötenkonzert löschte die anfängliche Enttäuschung rasch wieder aus.

Grehl blies es mit feinschmeckerischem Munde, höchst virtuos in den beiden Rahmensätzen mit der am Ende aufflammenden Kadenz, auf zauberhafte Weise aber verinnerlicht in der träumerischen Weltenferne des Andante. Das Publikum zeichnete ihn prompt ganz zu Recht mit schier explosiver Zuneigung aus.

"Im Konzerthaus kann man nur erahnen, was Debussy musikalisch hingezeichnet hat"