Eine Familie

Ein Muttermonster schlägt um sich

Merkwürdig, dass es dieses Stück noch nicht nach Berlin geschafft hat: "Eine Familie" vom Amerikaner Tracy Letts, das im Original lakonisch "August: Osage County" heißt nach Zeit und Ort, wird seit seiner deutschen Erstaufführung in Mannheim 2008 rauf und runter gespielt von allen Theatern, die ihr Ensemble beschenken und ihre Auslastung verbessern wollen.

Denn das Pulitzerpreis-gekrönte Stück von 2007 irgendwo zwischen großem Familiendrama, Seifenoper und Boulevardkomödie ist großes Schauspielerfutter in der Tradition von Edward Albee und Tennessee Williams.

Jetzt hat also das Hans Otto Theater Potsdam die Nase vorn und mit Tina Engel gleich noch einen Star eingekauft für die dankbare Rolle der Beverly Weston: Nachdem ihr Mann verschwunden ist, versammelt sie ihre Familie um sich. Ihr Hilferuf entpuppt sich als Vorwand: Das tablettensüchtige Muttermonster nutzt die Chance, um alle mal so richtig runterzuputzen.

Dass die Geschichte mit ihren Fremdgeh-, Inzest- und Missbrauchs-Umwegen nicht im Drama endet, liegt an Letts messerscharfen Pointen. Ob "Eine Familie" zum reinen Schenkelklopfer wird, ist Sache der Regie. Barbara Bürk fasst in Potsdam das Stück mit distanzierten Fingern an. Anke Grots Bühne rückt das Haus der Familie Weston mit Klapp-Sofa und Fellimitat-Stühle nah ans Publikum.

Doch Birk rückt die Geschichte gleich wieder weg: durch einen nervtötenden Country-Jingle, der die Szenen unterteilt. Und durch die Tendenz der Schauspieler, ihre Figuren eine Spur zu groß anzulegen. Das hat natürlich auch was Großartiges, etwa wie Tina Engel in den Drogendelirien Violet Mund und Augen aufsperrt, als ginge ein Sturm durch sie, wie sie, plötzlich nüchtern, als schwarze Witwe im Kostüm-Korsett die Kontrolle an sich reißt, und alle gegeneinander auszuspielen versucht. Nur lässt sie den Motor zu Beginn schon so hochtourig laufen, dass später einfach nichts mehr kommen kann. So verlagert sich die Konzentration auf ihre Tochter Barbara, deren Mann Bill mit einer viel Jüngeren anbandelt und deren Tochter leidenschaftlich kifft. Melanie Straub zieht sich diese Rolle an als zweite Haut: Mit welcher Verbitterung und Verachtung sie sich in die Pointenschlacht mit Jon-Kaare Koppes gelassenem Bill wirft, macht Barbara zur wahrsten Protagonistin des Abends.

Was daneben aber an überdrehtem Ulknudel- und Plappertaschen-Personal die Bühne beherrscht, rückt die Geschichte eindeutig in die Soap-Ecke. Wo es wehtun müsste, wird in Potsdam einfach durchgelacht.

Hans Otto Theater , Schiffbauergasse 11, Potsdam. Nächste Termine: 3., 4., 17. September. Karten unter Tel. 0331/98118.