Kyoto-Tagebuch

Vom Japaner lernen, heißt schlafen lernen

In der letzten Woche hätte man in Kyoto unruhig werden können. In dem 50 km entfernt liegenden Kraftwerk Monju mussten Reparaturarbeiten durchgeführt werden, die offiziell als hochriskant eingestuft wurden. Würde das im Reaktor enthaltene Natrium in Kontakt mit Sauerstoff geraten, wäre eine Explosion nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich.

Da kann man schon mal nervös werden. Wird hier aber niemand. Mittlerweile bin ich mir sicher: Das ist keine Gelassenheit, das ist Erschöpfung. Nirgendwo habe ich so viele Menschen schlafen sehen. Auch noch nie so stilvoll. Kein Schnarchen, keine offen stehenden Münder, höchstens die Krawatte gelockert.

Das Schlafverhalten der Japaner kann wohl als legendär gelten. Alles, was man je darüber gehört hat, stimmt. Sie schlafen überall und in jeder Position. Natürlich bin ich neidisch, kann ich doch nur in meinem Bett schlafen und selbst dort immer schlechter. Aber sie schlafen in Zügen und Bussen, bei Konzerten und Lesungen, im Sitzen und Stehen, sie lehnen an Wänden, hocken an Schreibtischen, schlafen nach dem Joggen direkt am Fluss.

Und sie wachen stets im richtigen Moment wieder auf. Als ich vor kurzem die Lesung eines deutschsprachigen Schriftstellers besuchte, setzte sich ein älterer Herr neben mich und schlief noch vor dem ersten Wort ein. Mit dem Applaus wachte er auf und stellte prompt die erste Publikumsfrage: Wie der Autor zu Thomas Mann stehe. Schon jetzt fürchte ich mich vor den eigenen Lesungen, die mich hier noch erwarten. Ein schlafendes Publikum könnte ein traumatisches Erlebnis werden.

In dem Café um die Ecke habe ich mich daran gewöhnt, dass der Chef, nachdem er Kaffee und Sandwich gebracht hat, sofort wieder an seinem Tresen wegdämmert. Das Geld lege ich jedes Mal abgezählt auf den Tisch. Menschen zu wecken, fremde noch dazu, fand ich schon immer recht unanständig. Allerdings ist es doch etwas anstrengend dauernd damit beschäftigt zu sein, niemanden zu wecken. Langsam beginne mich hyperaktiv zu fühlen. Ein gänzlich unbekanntes Gefühl. Manchmal schlafen sie sogar mit offenen Augen. Hinweise darauf liefern Dialoge dieser Art:

Ich hätte gern einen Sake. - Sake?- Ja, Sake, bitte - Sake? Ja, Sake.

Das kann minutenlang so gehen. Verzweifelt und halb ausgetrocknet will man seinen Kopf auf die Tischplatte knallen, dann wachen sie auf: Ah, Sake! Vor Erleichterung möchte man sie am liebsten küssen.

Gleichzeitig bietet diese schlafende Hochleistungsnation ein einzigartiges Angebot von Aufputschmitteln. Die Supermarktregale sind gefüllt mit Energy-Drinks der spektakulären Sorte. Die Konzentration treibt einem den Schweiß auf die Stirn. Keines dieser Fläschchen wird wohl jemals den Weg in den deutschen Handel finden, das wäre illegal. Sollte einem das alles zu chemisch sein, kann man sich mit einem Ginseng-Extrakt vergnügen. Mit einem Freund probiere ich in einer Nacht diverse Produkte, mit dem Ergebnis, dass wir nachts um drei bei einer Fußmassage sitzen und mit riesigen Augen auf unsere müden Körper schauen, die mal wieder nicht mit uns mithalten können.

Ganz unschuldig daher kommt der Grüne Tee. Dabei hätte man skeptisch werden müssen, schließlich gibt es den bevorzugt mit einer begleitenden Zeremonie. Die kann bis zu einer Stunde dauern und Spaß hat dabei höchstens der Meister. Am Ende wird das grüne Pulver mit heißem Wasser übergossen und schaumig geschlagen. Es schmeckt so bitter, dass man vor dem Trinken eine Praline isst, die einem den Mund verklebt. Der Tee sei zehnmal so stark wie Kaffee, höre ich und bin schon ganz aufgeregt. Doch offensichtlich kann mein Körper eine solche Konzentration nicht mehr verarbeiten, ich möchte auf der Stelle umfallen. Meine Dolmetscherin starrt auch ganz komisch ins Leere.

Wir brauchen eine halbe Stunde, bis wir endlich in der Lage sind aufzustehen. Weitere zehn Minuten sitzen wir stumm im Auto. Im Radio die Nachricht, dass die Arbeiten in Monju erfolgreich waren. Auf der Stelle schlafe ich ein.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Institutes in Kyoto. Sie schreibt jeden Sonnabend über ihr Gastland.