Peter Eötvös

"Ich repariere ständig meine älteren Stücke"

Schon seine jüngste Uraufführung, das von den Berliner Philharmonikern vor zwei Wochen aus der Taufe gehobene Cello Concerto grosso, war ein verblüffender Erfolg. Das war allein deshalb erstaunlich, weil Peter Eötvös nun wirklich nicht die klassische Mainstream-Ausbildung hinter sich hat.

Der 67-Jährige wuchs hinter dem Eisernen Vorhang auf, in Ungarn, und als er in den Westen ging, schloss er sich der Avantgarde um Boulez und Stockhausen an. Es gibt also bessere Voraussetzungen, um beim großen Publikum zu landen. Aber Eötvös hat es geschafft. Seine Oper "Drei Schwestern" wurde 1998 in Lyon uraufgeführt und seitdem an 15 anderen Häusern inszeniert, am Sonntag geht die Tschechow-Vertonung über die Bühne des Schiller-Theaters - und dürfte auch dort den Beifall der Wagnerianer und Puccinisten finden.

Eine Liebe zum Jazz

Woran das liegt? Vielleicht gibt es ja so etwas Ähnliches wie ein Osteuropa-Gen. Wie vor ihm Strawinsky und Bartók, Janáèek, Szymanowski und Enescu versöhnt Eötvös mühelos das Uralte und das Ultramoderne. Im Gegensatz zu den urbanen Eliten des Westens haben sich nämlich diese Komponisten eine regionale, volkstümliche Prägung bewahrt und gerade dadurch neue Musik mit Tiefendimension geschaffen. "Ich kann nicht meine Wurzeln ausreißen", sagt Eötvös. Und gegen Begabung ist sowieso kein Kraut gewachsen.

Peter Eötvös galt als Wunderkind. Mit fünf Jahren spielte er auf dem Klavier Bartók, mit 14 nahm ihn Altmeister Kodály als Meisterschüler an. Dann kam der Quantensprung: Stockhausens Gesang der Jünglinge wurde für ihn zur Offenbarung. Also ging er 1966 mit seinem deutschen Stipendium nach Köln. Eine Bewerbung nach Moskau war gescheitert, er wäre dort, sagt Eötvös, kaputt gegangen wie so viele seiner ungarischen Kollegen.

Am Rhein beschäftigte er sich intensiv mit elektronischer Musik. Und mit seiner alten Liebe zum Jazz. Dem haftete noch etwas Geheimnisvolles, Verbotenes an, denn Jazz war in Ungarn wie antikommunistische Propaganda bewertet worden. Über Kurzwelle konnte er jedoch empfangen werden. Die unvermeidlichen Nebengeräusche sind für Eötvös bis heute wesentlicher Bestandteil von Musik, weswegen er in seinen Stücken die atmosphärischen Störungen gleich mitkomponiert. Genauso liebt er es, das Knistern von Schallplatten kompositorisch abzubilden. Mit dem Trompetenkonzert Jet Stream lieferte Eötvös eine der wirkungsvollsten Jazzadaptionen überhaupt, und in Paris-Dakar schreckte er selbst vor der Verwendung einer Big Band nicht zurück.

Als regelmäßiger Gast der Berliner Philharmoniker und anderer großer Orchester versucht Eötvös auch heute noch, so viele Uraufführungen zu dirigieren wie früher beim Ensemble Intercontemporain. Von den schocktherapeutischen Ansätzen seiner Lehrmeister ist er weiter weit entfernt denn je. Nicht nur, dass "Klarheit und Verständlichkeit" bei ihm höchste Priorität genießen - er will die Zuhörer durch Klänge verzaubern, will Geschichten erzählen und etwas von seinen Gefühlen vermitteln. Nur dieser Wille zum Ausdruck, zur Kommunikation konnte Erfolgsstücke hervorbringen wie das symphonische Oratorium Atlantis und die Oper Drei Schwestern.

Rückkehr nach Ungarn

In beiden Stücken wird eine versunkene Welt beschworen, die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren - Eötvös' Spezialität. Im neuen Cello Concerto grosso ist die Vergangenheit gleich zweifach präsent: hier wird vom Verschwinden bedrohte transsilvanische Tanzmusik verwendet, die der grandiose und gleichwohl vollkommen vergessene ungarische Symphoniker Laszlo Lajtha einst aufgezeichnete. "Ich versuche objektiv darüber nachzudenken, wie Kulturen in kleinen und großen Dimensionen verschwinden", berichtet Eötvös. "Aber im Fall von meinem Geburtsort kann ich eine bestimmte Sentimentalität doch nicht verleugnen."

Folglich hat sich Peter Eötvös, nach wunderbaren Zeiten im deutschen, holländischen und französischen Exil, mit seiner Frau vor sechs Jahren wieder in Ungarn niedergelassen. "Wir waren richtig hungrig auf Budapest, auf die ungarische Sprache", sagt er in perfektem Deutsch. Die meiste Zeit verbringt er allerdings einsam in seinem Studio, komponierend, korrigierend. "Unsterblich will ich nicht werden. Aber es würde mich stören, unvollständige Werke zu hinterlassen. Deswegen repariere ich ständig meine älteren Stücke. Sie sollen noch in 200 Jahren spielbar sein." Hoffen wir, dass sich auch in Zukunft noch Menschen für die Vergangenheit interessieren.

Staatsoper im Schiller-Theater , Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Premiere: morgen, 19.30 Uhr), 4. Juli, 19.30 Uhr und 6.7. (19 Uhr). Karten unter G 203.54555.

"Es würde mich stören, unvollständige Werke zu hinterlassen"

Peter Eötvös, ungarischer Dirigent und Komponist