Volksbühne

Einen Jux will er sich machen

Was für ein Bühnenbild! Einen riesigen Teppich hat Herbert Fritsch in der Volksbühne ausgerollt. Keinen roten, sondern das Modell Perser. Der Bodenbelag reicht von der ersten Zuschauerreihe bis zum Bühnenhorizont.

Weit hinten, wo Sophie Rois als Tugendhüterin Emma Klinke wie eine Schneekönigin thront, wirft er ein paar kunstvolle Falten. Stolperfallen. Das Angebot nehmen die Schauspieler gern an. Wolfram Koch in der Rolle des weniger tugendhaften Mostrichhändlers Klinke zeigt diverse Varianten. Auch ein Trampolin verbirgt sich im Teppich: Schließlich soll das dramatische Personal einen Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes haben. Denn Herbert Fritsch, der nicht nur dieses staunenmachende Bühnenbild entworfen hat, sondern auch Regie führt, nimmt seine Vorlagen gern beim Wort. Er hält sich - abgesehen vom Ende - ziemlich genau an den Text des nahezu 100 Jahre alten Boulevard-Klassikers "Die spanische Fliege". Und beschert damit dem Publikum einen zweistündigen, leichten, unterhaltsamen, sommerlichen Theaterabend.

Wie Püppchen wirken die Akteure in seiner Inszenierung. Als ob sie die Abwesenheit der Erwachsenen ausnutzen und die gute Stube kurzerhand zum Spielzimmer umfunktionieren wollten. So wie das zum Leben erweckte Spielzeug im Film "Toy Story". Nur das das Ganze auf der Theaterbühne eine andere Richtung einschlägt: Fritsch öffnet dem Slapstick weit die Türen - und die Schauspieler mit ihren rotbackig geschminkten Gesichtern, nehmen die Einladung dankbar an. Glücklich darüber, am Ende einer langen Saison mal so richtig auf die Tube zu drücken: Es wird chargiert, gestolpert, gebrüllt, gehüpft was Körper und Bühnenbild hergeben.

Märchenhafte Kostüme

Victoria Behr hat den Frauen ausladende Frisuren und knallbunte, märchenhafte Fantasiekostüme entworfen, die Männer tragen vorzugsweise Klassisches aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende. Das Attribut herausragend verdienen die Haare von ChrisTine Urspruch - eine Turmfrisur im Stil von Marge Simpson. Die kleinwüchsige Schauspielerin, bekannt als "Alberich" aus dem Münsteraner "Tatort", ist die titelgebende "spanische Fliege" - und zeigt den gespielten Zwergenwitz, wenn sie beim Erklimmen der Teppichfalte immer wieder abrutscht.

Fritsch schreckt vor keinem noch so flachen Gag zurück. Er lässt seine Schauspieler das Schwank-Niveau mit Volldampf überholen. Dabei kommt er mit wenigen Requisiten aus. Telefoniert wird ohne Telefon und wenn Wally (Inka Löwendorf) ihren angebeteten sächsischen Jüngling Heinrich Meisel (Bastian Reiber) bittet, doch Platz zu nehmen, fragt der mangels Sitzgelegenheit: "Wo denn?"

Normalerweise kümmern sich Boulevardtheater um Werke aus der Lustspielfabrik "Arnold und Bach", zuletzt lief das Stück vor zwei Jahren am Kudamm. Die beiden Künstler lernten sich am Berliner Lustspielhaus kennen. Ernst Bach war dort Oberregisseur, Franz Arnold kam als Schauspieler dorthin. "Die spanische Fliege" markierte den Beginn ihrer kommerziell sehr erfolgreichen Zusammenarbeit. Dieser Schwank - in der Uraufführung standen beide auch selbst auf der Bühne - lief sogar in Paris und New York und wurde ins Chinesische übersetzt.

Die Verwechslungskomödie um den Mostrichhändler Ludwig Klinke, der seiner Frau einen lange zurückliegenden Seitensprung verbergen will, passte in die prüde, moralische Grundsätze hochhaltende Kaiserzeit. Naturgemäß führen heutzutage Sätze wie "Mit den Mädchen ist es genau so wie mit dem Mostrich. Wenn sie erst eingetrocknet sind, will sie keiner mehr haben" nicht unbedingt zu Heiterkeitsausbrüchen im Publikum - zumindest nicht in der Volksbühne. Da lacht man lieber über Wolfram Kochs Auftritt mit einem schlanken Holzbrett, die der Schauspieler mit den Worten beendet: "Jetzt hab' ich die ganze Zeit mit einer Latte gespielt."

Diese Nummer ist auch ein augenzwinkender Seitenhieb auf Frank Castorf. Der Volksbühnen-Intendant hat ja Schwank-Erfahrung: Allerdings reicherte er seine Inszenierung von "Pension Schöller" mit Texten von Heiner Müller an. So ein Diskurstheater ist Herbert Fritschs Sache nicht. Er selbst war 15 Jahre lang Schauspieler bei Castorf. Unvergessen seine scheinbar improvisierten Auftritte, die die ohnehin schon langen Inszenierungen des Chefs dehnten. Es gibt schöne Anekdoten aus dieser Zeit. Dass der etwas renitente Fritsch beharrlich das Kostüm ignorierte, dass Castorf ihm in die Garderobe legen ließ. "Haben Sie es nicht gesehen", soll der Intendant nach der Vorstellung gefragt haben. Fritsch darauf: "Nö, da lag nichts."

Der Schauspieler verließ schließlich das Ensemble wie fast alle seiner prominenten Kollegen - der Abstieg des Hauses begann. Fritsch wechselte zur Regie. Tingelte durch die Provinz, inszenierte in Oberhausen, Schwerin und anderswo. Beim diesjährigen Theatertreffen war der 60-Jährige "Jung"-Regisseur die Entdeckung des Jahres.

Und jetzt die gefeierte Rückkehr an die Volksbühne. Die Genugtuung ist Fritsch anzumerken, als er beim langen Schlussapplaus an einem Seil hängend über die Bühne schwebt. Seine erste Arbeit an einem "großen" Theater. Mit bestens aufgelegten, spielwütigen Schauspielern. Man darf sich auf seine nächste Inszenierung am Rosa-Luxemburg-Platz freuen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 24 06 57 77. Termine: 1., 2., 6. und 8. Juli, 19.30 Uhr.