Polizei

Mit dem Einsatzkommando auf Fotoshooting

Kreuz und quer reiste der französische Autor und Fotograf Pierre Jouve jahrelang durch die Welt, dokumentierte Kriegseinsätze und Krisengebiete. Gesehen hat er viel.

Irgendwann muss ihm aufgefallen sein, dass er seine Heimatstadt Paris nicht wirklich kennt, nur die täglichen Wege zur Boulangerie oder um die Ecke zum Kiosk, und natürlich die Highlights der Stadt an der Seine, die sie so unverwechselbar machen, so elegant. Très chic, Paris, mon amour.

Also dachte Pierre Jouve, er müsste das andere, das fremde Paris einmal inspizieren, den grummelnden, dumpfen "dunklen Bauch" dieser Metropole. Dort, an den Rändern dieser Stadt, an der Peripherie, wo es andere Gesetze gibt, wo man die Gosse häufig sein Zuhause nennt, selbst wenn alles zu spät ist. "Es sind diejenigen, die ignoriert werden, deren Existenz verdrängt wird. Es ist schwer, in diesen Spiegel zu schauen. Es ist rohe Realität", sagt Jouve.

Jouve kam da auf eine Idee, die in der Umsetzung eher utopisch schien. Er schrieb an den Pariser Polizeipräfekten Pierre Mutz, bat um Erlaubnis, ein Einsatzkommando bei seinen Operationen ein Jahr lang begleiten zu dürfen. Tag und Nacht, im Hubschrauber oder Auto, jederzeit abrufbar. Der Polizeipräfekt gab grünes Licht, er kannte Jouves Arbeit, seine Fotobände, Bücher und Reportagen über die Politiker Jacques Chirac und Francois Mitterrand. Er konnte sicher sein, dass es Jouve nicht etwa um grelle Effekthascherei ging, sondern um einen präzisen, dennoch empathischen Blick, der die Sicht freigibt auf die Nischen einer Gesellschaft.

Jouve bekam einen Bodyguard zu seinem eigenen Schutz, später wusste er warum. Denn was er zu sehen bekam, erschrak selbst einen routinierten, lebenserfahrenen Reporter wie ihn. Gerade in der Banlieu von Paris zeigte sich die Stadt, als ein heillos verschachteltes Monster aus Beton, Teer, trostlosen Straßen und heruntergekommen Souterrains. Es sah vieles, was man lieber nicht sehen möchte: die Zustände in den Psychiatrien, heruntergekommene Arrestzellen, in die man keinen Hund stecken würde, viele Formen von Prostitution, brennende Wohnungen, Gewalt in Familien, Drogenabhängige am Ende ihrer Kräfte, Selbstmörder, ganz einfach den Tod.

Er beobachtete beide Seiten, Opfer und Täter - und Polizisten am Rande der Legalität. Am Ende seines kriminalistischen "Shootings" musste er seine Fotos in der Präfektur vorlegen.

Eine Auswahl dieser Aufnahmen wird nun in der Werkstattgalerie präsentiert. Eine gelungene Schau, erstaunlich vielfältig, weil die Fotos weit mehr sind als reine Dokumentation. Da ist etwa Notre Dame aus der Vogelperspektive, aufgenommen aus dem Hubschrauber,- von oben wirkt die Kathedrale in ihrer Überhöhung wie ein verwunschenes Zuckerbäckerschloss aus der Romantik.

Die meisten der Motive bleiben im Vagen, die Orte, die Wohnungen, die Tatorte, auch die Gesichter, die oft hinter zerkratzten Scheiben nur schemenhaft wahrnehmbar sind. Diese Identitätslosigkeit der Typen verleiht diesen Fotos eine gewisse Allgemeingültigkeit. Es gibt leere Innenräume, nur die Tapeten sind zu sehen, ein Möbelstück dazu. Sie wirken in ihrer malerischen Qualität fast wie die surreal angehauchten Interieurs von Matthias Weischer, Vertreter der Leipziger Schule. Andere Fotos, wie jenes der Frau mit dem Messer im Kopf auf der Trage, wirken absurder Weise wie klassische, der Zeit enthobene Stillleben. Jedes dieser Fotos hat eine Geschichte. In diesem Fall ist es die Tragödie eines Sohnes, der seine Mutter töten wollte, um dem jahrelangen Missbrauch ein Ende zu setzen.

Jouve sucht derzeit in Berlin seine eigene Geschichte. Sein Vater, einst französischer Korrespondent in der Stadt und mit einer ungarischen Jüdin verheiratet, wohnte in der Flensburger Straße 17, dort, wo auch Goebbels Schwester Maria gelebt hat. So jedenfalls recherchierte der Pariser Fotograf mit Hilfe von Mitarbeitern der Topographie des Terrors. Fotos sind bereits gemacht. Von Pierre Jouve wird man also schon bald wieder hören.

Werkstattgalerie , Eisenacher Straße 6, Schöneberg. Tel. 2100 2158. Di-Fr 12-20 Uhr, Sa 12-17 Uhr. Bis 28. Juli.