Interviews

Die Schreibblockaden des Heinrich Böll

"Niemand lässt sich gern interviewen, und doch sagt niemand Nein, denn Interviewer sind höflich und liebenswürdig, selbst wenn sie einen ruinieren", schrieb der amerikanische Autor Mark Twain ungefähr im Jahr 1890 und mit einigem Ärger über Journalisten, "das soll nicht heißen, dass sie sich bewusst vornehmen, jemanden zu ruinieren, oder hinterher erkennen, dass sie eben das getan haben.

Nein, ich glaube, ihre Haltung ist eher die eines Wirbelsturms, der in der noblen Absicht kommt, einem hitzegeplagten Dorf Abkühlung zu verschaffen, und hinterher nicht merkt, dass er diesem Dorf keineswegs einen Gefallen getan hat."

Sie wollen ja eigentlich nur spielen, die Journalisten. Interviews sind mal Streitgespräche, mal devotes Abfragen, mal führen sie eitle Abfrager, mal neugierige Kollegen. Als die Heilige Schrift in der Branche gelten die Interviews der Paris Review, einer ehrwürdigen amerikanischen Zeitschrift, 1953 gegründet, deren Markenzeichen endlose Interviews mit Schriftstellern ist; es sind Gespräche, die zuweilen auch über Jahrzehnte gingen und dann sorgfältig editiert und von den Schriftstellern nachbearbeitet wurden. So sind diese Gespräche Literatur geworden. Zwar sind alle Interviews auch online (auf Englisch) nachzulesen, aber die Edition Weltkiosk hat dankenswerterweise zwölf Interviews in einem Band zusammengefasst. Es ist eine interessante Mischung: Die Säulenheiligen der Moderne (Truman Capote, Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov) wurden genauso ausgewählt wie zeitgenössische Autoren (Toni Morrison, Orhan Pamuk) und auch die, die wie Dorothy Parker und Joan Didion, in der äußerst langen Reihe der fast vergessenen Schriftsteller zu finden sind.

Die Interviews, und so augenfällig bekommt es der Leser selten präsentiert, sind ein Spiegel des literarischen Werkes. Heinrich Böll kehrt immer wieder zurück auf das Politische, er berichtet von Schreibblockaden angesichts seiner Angst über das atomare Wettrüsten (das Gespräch fand 1983 statt), seine Sorge gilt der Jugend, die nicht mit dem Gefühl aufwächst, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben. Es ist ein Autor, der einst sehr in der Gegenwart lebte und damit zwangsläufig aus dem literarischen Kanon fallen musste. Wie anders Kurt Vonnegut, der die Schrecken des zweiten Weltkrieges auch miterlebte und als amerikanischer Gefangener ausgerechnet nach Dresden verfrachtet wurde und die Angriffswellen der US-Luftwaffe 1945 in einem untergeschossigen Kühllager überlebte: "Es war kühl dort und voll von Kadavern, die um uns herum hingen. Als wir hoch kamen, gab es die Stadt nicht mehr." Jeder Versuch des Interviewers, Vonnegut einen melodramatischen oder anrührenden Satz zu entlocken, scheitert. Stattdessen lakonische oder ausweichende oder ausschweifende Antworten, mal über seine Familie, mal erzählt er sehr schlechte Witze. Zu fassen ist er nicht. Aufschlussreich ist das Interview von Philip Roth aus dem Jahr 1984. Roth spricht über die Mühsal des Schreibens, seine Krisen und vor allem seine Maskeraden, in der der Schöpfer von Nathan Zuckerman und David Kepesh nun wirklich ein Meister ist: "Aus dem eigentlichen Drama meines Lebens, eine halb erdachte, halb erfundene Existenz zusammenzubrauen, das ist mein Leben."

Die Paris Interviews Review 01 Weltkiosk im C. W. Leske Verlag, 350 Seiten, 19,90 Euro