Erzählungen

Die wunderlichen Reportagen von Joseph Mitchell

Wenn es wahr ist, dass Journalisten für Fischeinwickelpapier schrieben, müssten viele Best-of-Bücher, die Kolumnen und Reportagen bündelten, furchtbar stinken. Unbedenklich immerhin der Online-Konsum.

Die Artikel hängen im Netz wie Stockfische, quasi für die Ewigkeit präpariert, und riechen kaum, außer man tischt sie sich auf. Manchmal aber flutscht einem dann doch ein Buch in die Hände, bei dem man fürchtet, dass es wie ein zappelnder Fisch zurück ins Meer springen könnte. Etwa dieser hier, er stammt aus New Yorker Gewässern: "McSorley's Wonderful Saloon". 1943 erstmals erschienen, versammelt der schmucke Band die wunderlichen Reportagen des Mitbegründers des "New Journalism" Joseph Mitchell. Sie stammen aus seinen ersten Jahren beim "New Yorker". Nur sind diese vielmehr Short Stories, stringent und schnörkellos aufgeschrieben.

Keine enervierende "Nachricht" setzte Mitchell unter Druck; er hatte viel Zeit für seine Geschichten. Monate, manchmal gar Jahre. Und so erzählt er uns vom Wirt eben jener Kneipe "McSorley's" im East Village, die älteste der Stadt - übrigens unbedingt zu empfehlen, die Reportage und das Bierlokal. Oder von der Frau mit dem Bart, den Muschelfischern und all diesen Nichtnutzen und Pennern auf den Straßen. Dabei war sein Thema gar nicht die kleinen Leute, wie er sagte, denn "sie sind so groß wie du und ich, ganz egal wer wir sein mögen". So auch dieser durchgeknallte Bohemien und Schnorrer namens Joe Gould. Er behauptete, die Schreie der Möwen zu verstehen und gar Lyrik in diese Sprache übersetzt zu haben. Bei stinkendem Fisch, also lieblosen Reportage-Sammlungen, hätte aber auch "Professor Möwe" seinen Schnabel verzogen.

Joseph Mitchell: McSorley's Wonderful Saloon" , Diaphanes, Zürich, 415 Seiten, 22,90 Euro