Ai Weiwei

"Wenn ihr zu mir kommt, bringt eure Folterwerkzeuge mit"

Als der chinesische Kunst-Star Ai Weiwei am 22. Juni nach 80 Tagen auf Kaution aus der Haft entlassen wurde, hatte er 15 Kilo abgenommen, wie der Blogger und Rocksänger Zuoxiao Zuzhou meldete.

Unweigerlich musste man an Christian Krachts Roman "1979" denken, dessen Protagonist sich nach der Internierung in einem chinesischen Straflager freut, wegen der miserablen Versorgung "endlich seriously abzunehmen". Der Roman endet in der desolaten Region Xingjiang, wo Weiwei in einem Erdloch aufwuchs, nachdem sein Vater, der Lyriker Ai Qing, im Zuge der chinesischen "Kulturrevolution" dorthin verbannt worden war. Nun lebt Weiwei wieder in seinem Atelier in einem Künstlerviertel am Rande von Peking, wo seine Mutter ihm als erstes seine "Lieblingsnudeln mit Tomaten-Ei-Soße" kochte, wie die Welt vom Blogger Wangxilaile erfuhr. Wie die Welt überhaupt alles vom Aktivisten Weiwei erfährt. Die mediale Omnipräsenz seines politischen Kampfs gegen Zensur, Armut und Umweltzerstörung verleiht seinen Werken eine heroische Aufladung, ohne die ihr internationaler Erfolg kaum denkbar wäre. Seine oft plakativen, auch von ihren gewaltigen Dimensionen lebenden Installationen sind über die Kunstkritik erhaben - denn welcher Kurator, Galerist oder Kritiker möchte nicht einen furchtlosen Freiheitskampf unterstützen?

Diesen führte Ai Weiwei von 2006 bis zur Abschaltung durch die Behörden 2009 auch mit seinem Blog, das im Juli in Deutschland als Buch erscheint und zu Beginn von einer spielerischen Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst geprägt ist, von einer spürbaren Freude an der unmittelbaren Kommunikation, die das Blog ermöglicht: "Es ist wunderbar", so Ai Weiwei im Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist. "Man kann sofort Menschen ansprechen, die man gar nicht kennt. Wie wenn man die Straße hinunterläuft und an einer Ecke eine Dame entdeckt. Man kann sie direkt ansprechen, und dann vielleicht mit ihr streiten ... oder Liebe machen." Aber schon bald zeichnet sich Weiweis kompromissloser Kollisionskurs mit dem chinesischen Unterdrückungsapparat ab, der schließlich in der Aufforderung gipfelt: "Wenn ihr zu mir kommen müsst, bringt eure Folterwerkzeuge mit."

Am Montagabend lasen - aus Anlass der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen; Angela Merkel dinierte mit Chinas Premier Wen Jiabao am Wannsee - im Charlottenburger Literaturhaus drei Künstler aus dem Buch, alle mit Diktaturerfahrung: die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, der Lyriker Uwe Kolbe und der Maler Norbert Bisky. Weiwei beeindruckt in seinen Aufzeichnungen vor allem als Dissident. Seine Gedanken zur Kunst wirken oft spontan und nur halb durchdacht, umso pointierter sind seine politischen Stellungnahmen. Das gewisse Maß an Pathos ist für einen Freiheitskämpfer wohl unabdingbar.

So umfassend die Solidarität ist, die Weiwei im Ausland erfährt, so unsicher ist seine Zukunft. Mit den harten Auflagen seiner Freilassung - für mindestens ein Jahr darf er Peking nicht verlassen und sich auch nicht öffentlich äußern - haben die chinesischen Behörden ihn nun in eine perfide Zwickmühle gebracht. Das Atelier des Künstlers darf weiter produzieren, aber der Aktivist hat zu schweigen. Darin spiegelt sich auf zynische Weise die Zwangsehe zwischen wirtschaftlicher Öffnung und politischer Repression wieder, von der die Gesellschaft Chinas geprägt ist, die Weiwei im vergangenen Jahr noch folgendermaßen beschrieb: "Das ganze System opfert Bildung, Umweltressourcen und die Interessen der meisten Menschen, nur damit einige wenige Menschen mit Verbindung zur Regierung extrem reich werden können." Beinahe erscheint die Kautionsregelung als Einladung zur Teilnahme an diesem von ihm so vehement als korrupt bekämpften System - Weiwei wird sie nicht annehmen.

"Drei Künstler, alle mit Diktaturerfahrung, lasen aus Weiweis Blog"