Interview

"Filmmusik ist die moderne Klassik"

Gerhard Kämpfe eröffnet am 7. Juli ein Jubiläumsfestival. Sein Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Der frühere Plattenproduzent, der in seinem Büro eine Reihe Goldener Schallplatten hängen hat, setzt wieder auf eine Mischung aus Pop, Klassik, Crossover. Mit dem Festivalleiter sprach Volker Blech.

Berliner Morgenpost: Herr Kämpfe, Sie sind als wandelnde Anekdotensammlung bekannt. Erzählen Sie uns eine typische Geschichte über Ihr Festival.

Gerhard Kämpfe: Irgendwann Mitte der neunziger Jahre musste ich feststellen, dass ein Mensch, der einen Anzug von Brioni trug und gegelte Haare hatte, so großen Eindruck auf unsere damals älteren Einlasserinnen machte, dass sie ihn unkontrolliert passieren ließen. Ich nahm sie also zusammen und sagte: So geht es nicht - entweder jemand hat eine Eintrittskarte oder unsere Festivalausweise, ansonsten lasst ihr niemanden rein. Am nächsten Nachmittag komme ich zwischen Konzerthaus und Französischem Dom zum Platz und sehe, wie sechs der Damen sich am Einlass mit zwei Polizisten in Uniform unterhalten. Und ich höre, wie die eine sagt: Nee, die Kladdage könnse sich ooch im Kostümverleih besorjen. Karte, Ausweis oder Draußenbleiben! Das ist für mich typisch Berlin.

Berliner Morgenpost: Sieben Konzerte sind in diesem Jahr angekündigt. Welches bereitet Ihnen am meisten Kopfzerbrechen?

Gerhard Kämpfe: Von der Umsetzung her ist es das Konzert der Scorpions, die gerade auf Weltreise sind. Das ist eine Rockband, aber unser Ansatz ist ja, sie mit dem Filmorchester Babelsberg auf einer Augenhöhe zusammenzubringen. Die Rocksongs erklingen in klassischen Arrangements. Die Scorpions kommen aus dem Libanon, landen am Sonnabend, dann wird für die Probe ihre Anlage komplett drinnen im Konzerthaus aufgebaut, während draußen noch das Operetten-Musicalkonzert mit AnnaMaria Kaufmann läuft. Am nächsten Morgen wird alles nach draußen umgebaut. Das ist eine logistische Herausforderung.

Berliner Morgenpost: Die Scorpions sind das bestverkaufte Konzert?

Gerhard Kämpfe: Es läuft erwartungsgemäß gut.

Berliner Morgenpost: Weil sich Rock und Pop besser als Klassik verkaufen?

Gerhard Kämpfe: Nein, die First Night, das von Herbert Feuerstein moderierte Auftaktkonzert, liegt fast punktgleich mit den Scorpions. Klassik verkauft sich bestens.

Berliner Morgenpost: Wie hat sich der Geschmack des Publikums in den zwei Jahrzehnten verändert?

Gerhard Kämpfe: Unsere Zielgruppe ist deutlich größer geworden. Das hängt damit zusammen, dass man sich früher mit Werbung und Marketing auf das typische Opern- und Konzertpublikum konzentriert hat. Die großen Klassikstars haben sich ja häufig geweigert, PR-Aktionen mitzumachen, weil sie bloß keine Popstars sein wollten. Das hat sich gewaltig geändert. Seit den Drei Tenören ist die Marketingmaschine am Laufen. Nach wie vor hat unser Festival rund zwei Drittel Besucher, wie wir durch Befragungen herausbekommen haben, die selten oder nie ins Konzert gehen. Aber ich glaube, durch die vielen stattfindenden Openair-Konzerte mit klassischer Musik und Crossover-Künstlern wie David Garrett bekennen sich beispielsweise Tenöre heute dazu, selber gerne Rockmusik zu hören, oder eine Sopranistin wie Barbara Krieger singt Jazztitel als Zugaben. Die Menschen wissen mittlerweile, dass jede Trennung in E- und U-Musik falsch ist. Damit ist das Publikum größer geworden, das ist die bedeutendste Veränderung.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn Künstler, die Ihr Festival als ein Sprungbrett in den Markt nutzen konnten?

Gerhard Kämpfe: Zum Beispiel die russische Mezzosopranistin Anna Goryacheva. Sie kam als Elevin zu uns und hat inzwischen internationale Erfolge. Manchmal merkt man die Erfolge an den Gagenvorstellungen. Anfangs kommen Künstler und signalisieren, sie würden sogar auftreten, selbst wenn sie gar nichts bekämen, Hauptsache auf der großen Bühne singen. Sechs, sieben Jahre später liegt die Gage im fünfstelligen Bereich. Aber natürlich ist es legitim, sich als Künstler entsprechend seines Marktwertes bezahlen zu lassen. Schließlich verkaufen wir mit dem jeweiligen Namen auch unsere Tickets.

Berliner Morgenpost: Ein bisschen Statistik wäre nicht schlecht: Wie viele Openair-Konzerte gab es bisher - und wie oft hat es geregnet?

Gerhard Kämpfe: Zum Festival erscheint ein Buch "Classic Open Air" mit Statistiken, Historischem und Anekdoten. Bis jetzt gab es 105 Konzerte mit über 600 000 Besuchern. In zwölf Konzerten regnete es, darüber hinaus gab es mehrere Abende mit Regenschauern. Eines musste wegen Sturm abgesagt werden.

Berliner Morgenpost: Haben Sie nicht manchmal die Sorge, nach zwanzig Jahren betriebsblind zu sein und Trends zu verpassen?

Gerhard Kämpfe: Ich muss zugeben, dass uns das jedes Jahr umtreibt. Wir sitzen im Nachhinein immer mit dem Team zusammen und fragen uns, was kann besser sein. Dann wird heftig diskutiert und wir müssen uns selber daran erinnern, dass wir jeden Abend Standing Ovations hatten, alle Künstler gekommen sind, das Publikum begeistert war und es ein ökonomischer Erfolg war. Und wir sitzen trotzdem da und kritteln am vergangenen Festival herum. Aber natürlich ist es ein Verpflichtung, alles immer besser machen zu wollen.

Berliner Morgenpost: Was wird der Trend der nächsten Jahre?

Gerhard Kämpfe: Wir haben drei Säulen. Erstens große Namen, zweitens Konzeptkonzerte um Wagner, Beethoven oder Strauß, und drittens die Crossover-Projekte - diese aber grundsätzlich mit klassischem Klangkörper. Die Grundstruktur wollen wir beibehalten. Ich denke, die klassische Musik im Livebereich wird ihre Faszination nicht verlieren, auch wenn dummerweise keine neuen populären Stücke mehr hinzukommen, die wir als Klassik bezeichnen. Deshalb nutzen wir die Übergänge wie beispielsweise die Filmmusik, die für mich so etwas wie moderne Klassik darstellt.

Berliner Morgenpost: Ist denn eine Verschränkung mit Kino in Planung?

Gerhard Kämpfe: Wir überlegen tatsächlich, künftig mit LED-Wänden zu arbeiten. Was bei großen Filmmusik-Nächten fantastisch wäre. Aber dazu brauchen wir Partner, weil diese LED-Screens sehr teuer sind.

Berliner Morgenpost: Als Sie vor zwanzig Jahren mit dem Festival auf den Gendarmenmarkt wollten, gab es auch viel Widerstand in Berliner Behörden...

Gerhard Kämpfe: ...es hat sich alles geändert. Als ich 1991 über den Platz der Akademie - wie er damals noch hieß - ging, standen 27 Kräne herum. Ringsum gab es nur Baustellen. Nach der Wiedervereinigung wollte man den Platz eher als ruhende Schönheit betrachten. Was ich für falsch halte, denn urbane Plätze gehören belebt. Dazu zählt Gastronomie ebenso wie Veranstaltungen. Aber ich kann auf die Behörden nichts kommen lassen. Heute ist Mitte der Bezirk, in dem, glaube ich, 70 Prozent der politischen, sportlichen, kulturellen Veranstaltungen inklusive Weihnachtsmärkten und Festmeilen laufen. Übrigens haben am Anfang eher die Künstler am Festival gezweifelt, von wegen Klassik auf einer Großbaustelle, das ginge doch nicht. Heute stehen die Künstler bei uns Schlange, während wir sie in den ersten Jahren umwerben mussten.

Berliner Morgenpost: Das klingt alles etwas harmoniesüchtig. Worin liegt denn nun das alljährliche Krisenmanagement?

Gerhard Kämpfe: Das Krisenmanagement im Entertainment hat eine Grundregel: Zeige es nie nach außen.