Film "Larry Crowne"

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

Die Hochschulkomödie ist durchaus kein Filmgenre, das nur auf Teenies beschränkt ist. Die Schwemme von Highschoolplotten der letzten Jahre, die vornehmlich aus den Staaten kommen und den Witz demonstrativ von der Gürtellinie in den Kniekehlenbereich gesenkt haben, lassen zwar anderes vermuten.

Und man muss auch schon lange überlegen, bis einem ein gelungenes Gegenbeispiel einfällt; womöglich muss man dazu bis zur "Feuerzangenbowle" zurückgehen. Aber immerhin: Das Genre gehört nicht gänzlich den Postpubertären. Und diesen Beweis tritt nun kein Geringerer als Tom Hanks, immerhin Jahrgang 1956, an.

Der spielt in "Larry Crowne" (Filmstart: Donnerstag) einen einfachen, aber stets höflichen und aufmerksamen Supermarktangestellten. Acht Mal schon hat es dieser Larry zum "Angestellten des Monats" geschafft, und so ist er sich sicher, die neunte Auszeichnung entgegennehmen zu dürfen, als er ins Personalbüro gerufen wird. Stattdessen wird ihm fristlos gekündigt - weil er kein Studium aufweisen kann und das nicht länger zum Firmenprofil passen soll. Das trifft den treuen Dienstleister zutiefst. Zumal eine gerade vollzogene Scheidung noch Kosten verursacht und die Hypothek auf sein Haus nicht abbezahlt ist. Das ist ein harter Schlag für den armen Mann - und ein wohl kalkulierter fürs Publikum. Wenn es einen Tom Hanks in der Finanzkrise treffen kann, dann kann es wirklich jeden treffen. Hanks hat ja längst James Stewart und Henry Fonda als John Doe, also als amerikanischen Otto Normalverbraucher, abgelöst. Und so kann, ja muss man an diesem Film die ganze gegenwärtige Gesellschaftslage der USA ablesen.

Der Sommer schlimmer Lehrerinnen

Und richtig: Hanks' Crowne lässt sich nicht unterkriegen. Seine Depression währt nur wenige Filmminuten, dann wird schweren Herzens das Haus verkauft, der teure, benzinfressende Geländewagen gegen einen Motorroller eingetauscht. Und dann bewirbt sich der Arbeitslose, zwecks Fortbildung, am nächsten College. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner, ist die Botschaft des Films. Er wird aufgehübscht durch ein paar erwartbare Gags, wenn ein Mittelaltriger noch mal die Schulbank drückt, wenn er Teil nicht gerade einer Motorradgang, aber doch einer Motorrollerclique wird und die Klasse durch dauerndes Zuspätkommen und ständiges SMS-Tippen stört. Auch große Stars in kleinen Rollen sorgen für Aufsehen wie Pam Grier als neugierige Lehrerin und George Takei, der Mister Sulu aus "Raumschiff Enterprise", als aufgeblasener, selbstverliebter Professor. Doch richtig Auftrieb gewinnt das Ganze erst durch eine Ebenbürtige: Julia Roberts, die eine Lehrerin spielt, die selbst in der Krise steckt. In keiner finanziellen, aber einer nichtsdestoweniger grundlegenden Lebenskrise. Ihr Mann lässt sich von ihr aushalten, der Job macht ihr keine Freude. Und schon wie sie anfangs aus dem Auto steigt und widerwillig in ihre Pumps steigt, wie sie missmutig durch das College läuft und schon triumphiert, dass die neue Klasse nur aus neun Studenten besteht, zehn aber die Mindestgrenzen sind - das ist großes Kino. Inklusive ihre Reaktion, wenn dann Tom Hanks verspätet als Zehnter hereinplatzt.

Es scheint der Sommer der schlimmen Lehrerinnen, der Lehr- als Leerkörper zu sein. Erst vor einer Woche trat Cameron Diaz in "Bad Teacher" als einziger pädagogischer Albtraum im Kino an, nun folgt Amerikas schönstes Aushängeschild und schlägt in dieselbe Kerbe. Übrigens nicht gar so primitiv wie Frau Diaz und dafür umso beunruhigender. Es scheint wahrlich nicht gut zu stehen um das Bildungssystem der USA. Damit aber geht "Larry Crowne" weit über das übliche Highschool-Dramaturgiegeflecht hinaus, weil er eben nicht nur auf der Schülerseite spielt, sondern auch tiefe Einblicke in die Erwachsenenseite nimmt. Und das Erwartbare, es geschieht wirklich: Jeder lernt von jedem. Nicht nur Larry Crowne, der sich nur weiterbilden wollte, wird zu einem anderen, neuen, selbstbewussteren Menschen; Roberts' Rhetorik-Lehrerin wird es, durch diesen ungewöhnlichen Schüler, auch.

Hanks, der nächste Woche 55 wird, hat sein College übrigens ganz klassisch gleich nach der Highschool absolviert. Auch in seiner Klasse aber gab es damals einen Mann, der bereits in den Fünfzigern war. Das Bild dieses Fremdkörpers, dieses alten Herrn zwischen lauter Jungspunden hat ihn nicht mehr losgelassen. So ist die Idee zu diesem Film schon wesentlich älter als die Finanzkrise, und Hanks hat selbst nicht schlecht gestaunt, wie sein Projekt, als es allmählich Gestalt annahm, immer aktueller wurde.

Konzipiert hat er es allerdings als einzige One-Man-Show, und hier fangen die Probleme an. Tom Hanks, das wissen vielleicht nicht alle, genießt nicht nur Star-Nimbus als Schauspieler, er hat sich auch als Produzent von Filmen wie dem Überraschungserfolg "My Big Fat Greek Wedding" oder der Spielberg-Serie "Band of Brothers" hervorgetan. Und einmal hat er sogar - auch wenn das schon wieder 15 Jahre her ist - selbst auf dem Regiestuhl gesessen, bei "That Thing You Do" über eine aufstrebende Rockband, in der er selbst nur eine Nebenrolle als deren Manager übernahm. "Larry Crowne" ist nun Hanks hoch vier: Er zeichnet verantwortlich für das Drehbuch - an dem allerdings auch noch Nia Vardalos, sein "Greek Wedding"-Star, mitgewerkelt hat -, ferner für die Produktion, die Regie und den Hauptdarsteller. Und das ist vielleicht doch ein wenig zu viel für den guten Onkel Tom.

Julia Roberts rettet alles

Wir wissen seit Billy Wilder, welche drei Komponenten eine gute Komödie ausmachen: Tempo, Tempo, Tempo. Das aber ist Hanks' Sache nicht. Schon rein körperlich neigt er ja eher zum Schwerfälligen, und auch sein Witz kommt stets ein wenig schleppend daher. Für einen bitteren sozialkritischen Blick auf Amerikas Wirtschafts- und Bildungsmisere ist er wiederum zu gutmütig und grundoptimistisch. Deshalb wirkt "Larry Crowne" leider durchgängig so bieder wie seine Hauptfigur zu Beginn. Keine zündende Feuerzangen-, eher eine alkoholfreie Maibowle.

Wäre da nicht Julia Roberts. Schon in "Der Krieg des Charlie Wilson" (2007) hat sie vor der Kamera prächtig mit Hanks harmoniert; hier aber fährt sie zu ganz großer, tragikomischer Form auf und lässt, zumindest in ihren Szenen, erahnen, was aus dem ganzen Film hätte werden können, hätte Mister Hanks nur die Größe gehabt, eine seiner vielen Funktionen großzügig an andere abzugeben. Auch im Filmbusiness, so hört man, soll es ja noch Leute geben, die nach Arbeit suchen.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, das haben wir einst im Lateinunterricht gepaukt. Nach dieser College-Komödie wissen wir: Nicht wegen solcher Filme, sondern wegen Julia Roberts gehen wir ins Kino.