Ivan Nagel

Eine Ausnahme unter den Intellektuellen

Mit ihm zu sprechen gehört zu den erfreulichsten Erfahrungen eines jeden Kulturinteressierten. Ob Theater oder Musik, ob bildende Kunst oder Literatur: Er weiß und gibt auf ebenso präzise wie unprätentiöse Weise Bescheid, nimmt Gedanken auf, spinnt sie weiter, eröffnet neue Perspektiven.

Und das keineswegs nach Art eines trockenen Stubengelehrten, sondern stets getrieben und beflügelt von - bei Bedarf sogar schwärmerischer - Liebe zur Sache. Ivan Nagel, der in Budapest geborene, in Berlin lebende Kosmopolit ist eine Ausnahmeerscheinung im Intellektuellenbezirk.

Die Eltern und Geschwister des jüdischen Großbürgersohns entkamen mit knapper Not dem Holocaust. Als der Stalinismus in Ungarn die Macht eroberte, floh er 1948 nach Zürich, wo er das Gymnasium absolvierte. Die Verfolgung durch zwei Terrorsysteme sollte sein Fühlen und Denken prägen. Er studierte in Paris und Heidelberg und Frankfurt. Kein Wunder, dass er dort in den Bannkreis Theodor W. Adornos geriet. Von Adorno, einem seiner Lehrer, hat er alles gelernt - außer dem Jargon, der die Texte der meisten "Adorniten" zur mühsamen Lektüre macht. Nagels Essays sind dagegen buchstäblich luzide: klar, leuchtend, erhellend. Sein zweiter Mentor wurde der große Regisseur Fritz Kortner. Er weckte Nagels Passion für die dramatische Kunst, für die Genauigkeit des Blicks aufs Menschenspiel, für die "kritische Treue" zum poetischen Wort.

Ivan Nagel arbeitete als Kritiker, danach als Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele. Zwei Mal war er Intendant: vom Hamburger Schauspielhaus und vom Württembergischen Staatsschauspiel Stuttgart. In Hamburg verantwortete er den produktivsten Skandal der neueren Theatergeschichte: Peter Zadeks "Othello" mit Ulrich Wildgruber, eine Aufführung, die längst legendär und in die Annalen eingegangen ist. Noch ein drittes Mal hatte Ivan Nagel ein Direktorenamt inne: den des Schauspielchefs der Salzburger Festspiele.

Zudem war er - der Protagonisten der internationalen Theaterszene von Peter Brook über Robert Wilson und Peter Sellars bis zu Ariane Mnouchkine früh im Blick hatte - Gründer des Festivals "Theater der Welt". Lange galt er gar als graue Eminenz des deutschen Theaterbetriebs; seinem Konzept verdankte sich nach der Wiedervereinigung Heiner Müllers Berliner Ensemble und Frank Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Allein das würde für ein Lebenswerk reichen, ist jedoch bloß die eine Seite Nagels: die des Praktikers und Ermöglichers. Die andere führte ins Reich der Gelehrsamkeit, gleichwohl nie in den Elfenbeinturm, stattdessen aufs weite, freie Feld des Essayistischen. Als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und Professor für Geschichte und Ästhetik der Darstellenden Künste blieb er, was er immer schon gewesen war: ein Forschender, ein Lehrender, ein Vor- und Nachdenker zugleich. Heute wird er 80 Jahre alt.