Komische Oper

Im Zuchthaus des Glaubens

Man muss nicht immer dem Neuen hinterher jagen. Auch die Herkömmlichkeit hat ihre Reize. Es geht schließlich beim Komponieren nicht um einen Wettbewerb, um das non plus ultra an anpassungsfreudiger Modernität, sondern um die Geradlinigkeit des Empfindens und des angemessenen Handelns.

Francis Poulenc, der große, ohne erdreistete Auffälligkeiten arbeitende französische Komponist, hakte sich bei keinem der Wegbereiter des Neuen ein. Er blieb sich treu wie die Karmelitinnen bis in den Tod. Ihnen und ihrem unbeirrbaren Denken hat er seine wirklich und wahrhaftig einzigartige große Oper gewidmet: die "Gespräche der Karmelitinnen", jetzt von Regisseur Calixto Bieito der Komischen Oper anrührend auf die Bühne gewuchtet und mit reichem Beifall bedacht. Calixto Bieito hält sich diesmal bewunderungswürdig zurück und nimmt dem Stück nichts von seinem Anspruch, seiner gnadenlosen Ernsthaftigkeit und Besessenheit im Glauben an Gott. Er macht das Karmeliterkloster geradezu zu einem Zuchthaus des Glaubens, dem indessen kaum einer entfliehen will.

Die französische Revolution krempelt blutig das Land um, verbreitet Angst und Schrecken, findet aber gerade bei den Hilflosesten und Schwächsten auch Widerstand. Die Karmelitinnen legen ihr Schicksal, wie sie es beschworen hatten, in Gottes Hand und dies bis zum Richtplatz mit der Guillotine hinauf. In diesem düsteren Moment aller Opern gestattet sich Bieito allerdings einen bitteren Scherz: Das junge, süße Mädel, dem nachdrücklich und brutal vor der Hinrichtung schmerzhaft die Haare geschoren werden, entgeht dem gewaltsamen Tod. Der Kommissar, der über Leben und Tod entscheidet, hat sie schon für sich ausgesondert und hält sie vom Fallbeil zurück.

Die Atmosphäre der Aufführung ist von Anfang an atemberaubend. Dafür hat Rebecca Ringst, die Bühnenbildnerin, in Zusammenarbeit mit Franck Evin, dem Lichtgestalter, gesorgt. Bis zur Bühnendecke ziehen sich die Klosterbetten vierstöckig hoch - wenn sich das Gestänge um sich selber dreht, reißen immer neue, furchtbare Blickwinkel auf.

Poulencs Musik, von Stefan Blunier mit Sorgfalt aufs wohlklingendste dirigiert, verweigert sich jeder Brutalität. Sie hält sich, wie sie soll, musikalisch zurück. Ihr genügt das Entsetzen des Bühnengeschehens. Sie braucht es nicht noch zu verstärken. Sie begleitet es aufmerksam, mit Mitleid und Hingabe. Sie klagt, und sie klagt an. Poulencs Musik versteht zu fesseln, zu erschüttern, nachdenklich zu machen und über das Grauen zu siegen.

Was will man mehr? Sängerinnen natürlich, die grandiose Darsteller sind. Die Männer haben in Poulencs Frauenoper nur wenig zu singen und zu sagen. Blanche, die wankelmütige Heldin, treibt die Zuneigung, die Pflicht, ihren Glaubensschwestern bis zum Ende beizustehen, auf den Hinrichtungsplatz zurück. Maureen McKay singt die Rolle mit zitternder Inbrunst. Sie hat bei den Karmelitinnen aber auch bereits viel Schreckliches miterlebt. Den Tod der alten Priorin zum Beispiel. Er formt die Partie zur Paraderolle der Oper. Keine der berühmten französischen Sängerinnen hat sie ausgelassen. In der Komischen Oper fällt sie Christiane Oertel zu. Sie meistert sie hingebungsvoll.

Am strahlendsten, am dominierendsten auch erhebt Irmgard Vilsmaier als Mutter Marie ihre Stimme. Sie hat im Kloster nicht viel zu sagen, das besorgen die beiden Priorinnen, aber immer, wenn sie singt, fliegen ihr Bewunderung und Aufmerksamkeit zu. Das gelingt auch der jugendlichen Hilflosigkeit und Verspieltheit von Julia Giebel als Schwester Constance. Ihr vor allem steht Francis Poulenc musikalisch zur Seite. Ganz einfach: Er hat sie lieb. Und er wurde wiedergeliebt: diesmal vom Publikum.

Komische Oper , Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47 99 74 00. Nächste Termine: 30. Juni; 6., 9. und 16. Juli.