Autorentheatertage

Alle halbe Stunde eine neue Komödie

Grillwurstdampf räuchert die Zuschauer vor dem Deutschen Theater. Sie trotzen auf Bierbänken sitzend der Kühle - mit einem Glas Wein. Rund um eine Installation aus Kunstrasen und Holzkisten sammelt sich das jüngere Publikum. Vor der Kasse bildet sich eine Schlange - die letzten Karten für die "Lange Nacht der Autoren" am Sonnabend sind begehrt.

Es herrscht eine Mischung aus Sommerfeststimmung und erwartungsvoller Spannung vor dem bunten Abend. Mit ihm enden die Spielzeit des Deutschen Theaters (DT) und die 2. Berliner Autorentheatertage: 19 Gastspiele an zehn Tagen, 7000 Zuschauer, eine Auslastung von 90 Prozent und als Krönung die "Lange Nacht" mit vier Inszenierungen taufrischer Stücke.

Komödien wünschte sich die Alleinjurorin Elke Schmitter, Romanautorin und Journalistin; eine im deutschen Theater unterrepräsentierte Gattung, die ihr Dasein auf Dialektbühnen und dem Boulevard fristet. Deshalb wurde nichts weniger als die Wiederauferstehung der Komödie von der "Langen Nacht" erwartet, auch wenn die mit vielen Ensemblegrößen besetzten Inszenierungen nach nur zehntägiger Probenzeit noch Werkstattcharakter haben.

Frau Merkel wirbt um Vertrauen

Fünf Stücke hat Elke Schmitter aus 140 Einsendungen ausgewählt. Aus Zeitgründen werden vier bei der "Langen Nacht" gezeigt - in stark gekürzter Fassung. Das fünfte, Mathilda Onurs "Blinde Punkte, Sterne", bekommt im September einen Solo-Auftritt: eine Premiere in er DT-Box. Auswahlkriterium war für Schmitter das eigene Amüsement beim Lesen, denn radikale Subjektivität hatte ihr die DT-Leitung verordnet. Hell- bis dunkelgrau grundiert ist ihre Auswahl, die weniger auf Comedy setzt als auf das Absurde, Schräge, Abgründige. Welthaltig ist sie zudem: Inhaltlich reicht das Spektrum von der Nazivergangenheit über die Bankenkrise bis zu Hartz IV. Formal abwechslungsreich, versammelt die Auswahl groteske, satirische, lyrische Komödientexte.

Eröffnet wird die Lange Nacht mit "Ein Mädchen namens Elvis" von Julia Wolf. Elvis (Katrin Wichmann), die unter ihrer Mittelschichtkindheit ebenso leidet wie unter ihrer dementen Oma Bertold (Margit Bendokat), versitzt gemeinsam mit der polnischen Pflegerin Viola (Isabel Schosnig) und dem Essensausfahrer Henri (Christoph Franken) die Zeit auf dem Sofa. Im Fernseher flimmern die Katastrophen dieser Welt, während sich in Bruchstücken vier Biographien offenbaren. Henri etwa wurde von seinem Vater Versager genannt - der massige Franken rutscht auf einer Bananenschale, klatscht sich eine Torte ins Gesicht. Wie eine Verzweiflungstat mutet sein Slapstick an, denn Regisseurin Anne Sophie Domenz findet keinen Rhythmus, keine Atmosphäre für den Text. Der Beifall ist verhalten, in der Pause sieht man in einige enttäuschte Gesichter. Aber noch hält die Wundertüte "Lange Nacht" drei Überraschungen bereit.

Nach einer halben Stunde geht es weiter, mit Judith Kuckarts "Paradiesvögel". Die Autorin verlegt die Eifersuchtsoper "Carmen" in die ostdeutsche Provinz. Ein Jahr hat die Amateurtruppe um den "Polizeipoeten" Hannes (Peter Moltzen) geprobt, nun steht die Premiere auf dem Marktplatz an - und die Musical-Handlung wird Ernst: Hannes' Freundin Marie (Olivia Gräser) legt sich mit ihrer Nebenbuhlerin Carmen (Inga Busch) an. In Zeitlupe zeigt Regisseurin Alize Zandwijk den Kampf der Frauen. Durch einfache szenische Mittel entsteht die Komik in ihrer textlich klug entschlackten, mit Beppe Costas Livemusik zwischen Tango und Country atmosphärisch aufgeladenen Inszenierung. Ein Regenguss aus dem Bühnenhimmel vereitelt Kuckarts liebenswert schräger Personage die Aufführung, und die zur bitterkomischen Trostlosigkeit passende Pointe liefert ein unlustiger Witz, den der Fischbräter Karl (Harald Baumgartner) mehrfach erzählt.

Stück Nummer drei, "Getränk Hoffnung" von David Lindemann, ist eine flotte, hintersinnige Bankensatire. Frau Merkel (Maren Eggert) und der Analyst Bernd (Peter Jordan) versuchen dem Bankkunden Herrn Bond (Arnd Klawitter) wieder Vertrauen einzuflößen. Gemeinsam hängen sie auf einer Parkbank und im Club herum, lungern in der Sonne und trinken Bier - Krisenzeiten verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Am Ende laufen Bond und seine Berater über Wolken, zwischen den Zwillingstürmen der Bank, dem Horizont entgegen. Matthias Kaschigs genaue, reduzierte Inszenierung findet Anklang.

Pizzakartons stehen im Weg

Gelichtet haben sich die Reihen, als gegen Mitternacht "Krauses Erzählungen" beginnen, und mancher verlässt während der Aufführung den Saal. Das Schlussstück ist gründlich misslungen: Turboüberdreht setzt Sascha Hawemann die Hartz IV-Klamotte von Daniel Gurnhofer in Szene. Krause (mit prolligem Vokuhila: Jörg Seyer) schluckt Alkohol und Antidepressiva und halluziniert Begegnungen mit einer Theatertruppe, drei der sieben Zwerge sowie Gott. Den endlosen Stürzen über Pizzakartons, dem exaltierten Gestottere und Gezucke hält der schwache Text nicht Stand - die letzte Stunde der "Langen Nacht" verursacht Pein.

Jurorin Schmitter bilanziert im Anschluss, die "Lange Nacht" habe gezeigt, "wie schwer es ist, Komödien auf die Bühne zu bringen, aber wie dankbar das Publikum ist, wenn es gelingt". Übermäßig viel gelacht wurde allerdings nicht, und es bleibt der Eindruck, dass die Komödie ein problematisches Genre ist. Unterhalten hat man sich schon besser. Das Publikum, das nach den sechs Stunden aus dem Theater in die sehr frische Sommernacht tröpfelt, wirkt ausgewrungen. Zerschlagen steht man noch ein wenig auf dem Vorplatz, atmet tief ein trotz Grilldunst - und bricht auf in die Theaterferien.