Konzert

Die Staatskapelle ruft - und 25 000 Zuhörer kommen

Liegt da ein Hauch von Wehmut über dem Platz? Damen mit Hütchen stehen neben Fußballfans in Trikots. 25 000 Musikfreunde sitzen auf Klappstühlen, Decken, Bierkisten und Mülltonnen. "Hallo Berlin!" ruft Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm wie ein Rockstar in die Menge.

Beim letzten "Staatsoper für alle"-Konzert saßen die Musiker quasi auf gepackten Kisten, wenige Tage vor dem Umzug ins Schiller-Theater. Jetzt kehren sie zurück, zumindest auf den Bebelplatz. Ja, es gab Überlegungen, das jährliche Open-Air-Event nach Charlottenburg zu verlegen, aber es sprach doch viel für Mitte. "Die vermissen uns da anscheinend", sagte Flimm im Vorfeld. Die Blicke schweifen sehnsüchtig zur Staatsoper, die nun erst 2014 fertig saniert sein soll.

Das Konzertprogramm lässt dann nicht mehr viel Raum für nostalgische Gefühle. Zwei populäre Werke aus Beethovens heroischer Phase erklingen. Die düstere Wolkenkulisse passt dazu. Auf der Bühne, die erstmals vor der Humboldt-Universität steht, sitzt die junge Chinesin Yuja Wang am Flügel. Auf zwei Leinwänden sind ihre zarten Hände zu sehen. Chinesen hätten den unbedingten Ehrgeiz, immer und überall die Nummer eins sein zu wollen, hat ihr berühmter Pianistenkollege Lang Lang geschrieben. Aber in der Musik geht es nicht um Rekorde.

Yuja Wang trug noch vor wenigen Jahren den Spitznamen "Fliegende Finger". Inzwischen versucht sie, mit großer Ernsthaftigkeit den Ruf der Nur-Virtuosin abzuschütteln. Denn dass die neuen Stars aus dem Reich der Mitte brillante Tastenfeuerwerke zünden können, versteht sich scheinbar von selbst. Die 24-Jährige beweist lieber, dass sie ein Werk wie Beethovens fünftes Klavierkonzert planvoll durchdringt. Sie beginnt ruhig und entspannt, legt viel Wert auf den Zauber der leisen Töne, stößt die Tür zur Romantik weit auf, spielt aber auch mit der Vorahnung auf kommende Klanggewitter. Ihr Beethoven kämpft nicht verzweifelt gegen die Taubheit. Er tanzt im schwungvollen Finale trotzig gegen sein Schicksal an.

Silberne Luftballons steigen in den Himmel. "Staatsoper für alle" findet bei freiem Eintritt zum fünften Mal statt. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim will mit den Open-Air-Konzerten zeigen, dass klassische Musik nichts Elitäres ist.

Zweifellos ist er einer der bedeutendsten Beethoven-Interpreten unserer Zeit, der die Konzerte und Sonaten schon dreimal eingespielt und sich auch mit den Sinfonien lebenslang beschäftigt hat. Ohhhs, Wows und ein langer Pfiff gehen über den Platz, als die Fünfte mit dem Schicksalsmotiv ta-ta-ta-taaa einsetzt. Barenboim beginnt auf dem Energieniveau, mit dem das Klavierkonzert aufgehört hatte. Er steigert es weiter mit einem langen Atem durch das Wechselbad der Emotionen hindurch. "Eigentlich kann man danach keine Zugabe geben", findet der Dirigent. Uneigentlich aber natürlich doch. Die "Figaro"-Ouvertüre wirkt richtig entspannend. Im nächsten Jahr gibt es neben dem Konzert auch wieder eine Opernüberragung: "Don Giovanni" mit Anna Netrebko und Erwin Schrott. Bis dahin bleibt nur die rote Ticket-Box der Staatsoper auf dem Bebelplatz zurück.