Bildungsmisere

Ein Stück Neukölln in zwei Akten

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Georg Kasch

Hilfe, die Lehrer sind los: Sie sitzen und stehen unter uns im Maxim Gorki Theater, oft unerkannt, sie werden zitiert, charakterisiert und live befragt, und ein besonders berühmtes, da literarisches Exemplar teilt sich sogar durch vier im Dokutheater-Projekt "Die Hofmeister".

Nach dem ersten Akt, "Freistunde" genannt, bei der die Gorki-Künstler Ende Mai in den Reuterkiez einfielen und dort die Anwohner und Passanten am Rande der Rütli-Schule zu Lehrern des Neuköllner Alltags machten, ist die mobile Einsatztruppe nun im Theater selbst gelandet: Beim zweiten Akt "Jeder Mensch ist ein Lehrer" fehlen die Stuhlreihen im Parkett, stattdessen bilden weißgedeckte Tische ein raumgreifendes Kreuz.

Hier sitzen das Publikum wie die Mitwirkenden, die allerdings den ganzen Raum bespielen, auch auf der Bühne, auf der ein paar schnörkelige Möbel auf das titelgebende Werk "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz anspielen.

In seiner 1772 geschriebene Tragikomödie rechnet der Stürmer und Dränger Lenz in drastischen Szenen mit dem damaligen Schulwesen ab: Statt ihre Kinder auf öffentliche Lehranstalten zu schicken, heuerte die Oberschicht für sie oft Privatlehrer (also: Hofmeister) an, junge Akademiker, die so die Wartezeit auf eine richtige Stelle überbrückten. Mit seinem Hofmeister Läuffer zeigt Lenz, wie überfordert diese jungen Leute waren - und legt sich mit fratzenhaften Obrigkeits-Karikaturen und erotischen Verwirrungen für die öffentliche Schule ins Zeug.

Wie Hartmut Maliskat, seit 22 Jahren Lehrer an der Rütli-Schule: Für ihn ist der Dorfschulmeister aus dem "Hofmeister" ein Vorbild, "arm, aber unabhängig und frei". Die Rütli-Schule, heute eine Gemeinschaftsschule, könne nur funktionieren, wenn der gute Schüler dem schlechten helfe. Aber von den guten gäbe es zu wenige, die gingen aufs Gymnasium. Wenn er König von Berlin wäre, würde er die Gymnasien abschaffen und die Klassenstärken halbieren.

Für Sätze wie diese gibt's Szenenapplaus, und hier, wo das Doku-Theater einem Bildungsfeature aus dem Kulturradio ähnelt, ist der Abend bei sich. Ebenso, wenn der ehemalige Schulamtsleiter Berlins zitiert (und karikierend nachgespielt) wird wie die Direktorin der Rütli-Schule und Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Dazwischen schieben sich Szenen einer Klassenkonferenz, in der vier Rütli-Schüler Lehrer parodieren, die über die Zukunft eines ebenso gewalttätigen wie musikalisch talentierten Schülers diskutieren. Das ist erschreckend banal und hinreißend komisch. Wenn sie am Ende zu einer Entscheidung kommen, zuckt man zusammen - können sie die Konsequenz ihres Handelns für die Zukunft eines Menschen wie einer ganzen Schule überblicken?

Derartige Zwickmühlen ergeben sich oft an diesem Abend, wo wohlfeile Lacher und eifriges Kopfnicken oder -schütteln hart mit Gegenansichten verschnitten wird: Da gibt es einerseits den Live-Gast Eric Hadley Denton, ein Amerikaner, der an der Rütli-Schule unterrichtet, um den Dialog zu stärken. Andererseits wird ein Neuköllner Nachhilfelehrer zitiert, der sich als Mischung aus preußischem General und russischer Gouvernante bezeichnet. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Sauberkeit sind seine Themen: "Ich quäle die Kinder wirklich bis aufs Blut, dass sie die Uhr lesen lernen." Szenisch wirkt dieser Abend vom mit solchen Stadterkundungen vertrauten Regisseur Peter Kastenmüller sympathisch improvisiert. Die vier Gorki-Schauspieler in Gehröcken und mit langen schwarzen Perücken bleiben mit Karteikarten in den Händen lässig, während sich die aufgeregten Schüler von der Souffleuse durch den Raum leiten lassen. Erst zum Schluss, als noch einmal Lenz-Szenen angeklebt werden, verliert die Sache Witz und Tempo. Begreifen lassen sie sich ohnehin nur, wenn man seinen Lenz parat hat. Bildung als Verständnisvoraussetzung fürs Theater? Das wäre allerdings eine ziemlich bittere Pointe.

Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben 2, Mitte, Tel. 202 21 115, nur noch heute, 19.30 Uhr.