Felicia Zeller

Wortwitzige Zirkus-Revue für den Heimatkiez

| Lesedauer: 3 Minuten
Anne Peter

Felicia Zeller ist eine lustige Person. Mit Vorliebe lässt sie sich mit ihrer großen rotgerandeten Hornbrille fotografieren, und im Interview ist schwerlich ein nicht-ironischer Satz aus ihr herauszubekommen.

Die gebürtige Stuttgarterin, Jahrgang 1970, hat in Ludwigsburg an der Filmakademie studiert und unter anderen so lustige Projekte wie die porno-veralbernde Website "Landessexklinik Baden-Württemberg" ins Leben gerufen. Vor allem aber ist Felicia Zeller eine sehr lustige und tolle Theaterautorin. Was nicht heißt, dass es ihr mit ihren Stücken nicht ziemlich ernst wäre. Aber sie sprühen vor wortwitzigen Verdrehungen und Kalauern. Stets sind ihre Texte dem Alltag, dem Behörden- oder Straßenjargon abgelauscht, dem, was Zeller bei ihren Recherchen in Jugendämtern ("Kaspar Häuser Meer") oder unter Au-Pairs ("Gespräche mit Astronauten"), im Straßencafé in Neukölln oder an der Ecke vom Hermannplatz aufgeschnappt hat.

Rotz-Rap und Goldkettchen

Seit mehreren Jahren wohnt Felicia Zeller in Neukölln, und vom Neuköllner Leben und ihrem Schreiberinnen-Dasein erzählt sie auch in dem 2008 erschienenen und preisgekrönten Prosa-Kleinod "Einsam lehnen am Bekannten". Die Regisseurin Regina Gyr hat die virtuos-witzigen Prosa-Stückchen jetzt fürs Theater entdeckt und im Heimathafen Neukölln, mitten in Zellers Wahlheimatkiez, zur kunterbunten Uraufführung gebracht.

Der Anfang ist großartig: Aus dem Off röchelt und rotzt es, bis man vor seinem inneren Auge - platsch! - die Spucke auf den Asphalt klatschen sieht. Und während der akustische Rotz-Rap immer stärker beschleunigt und schließlich zum Straßenrauschen verschwimmt, fliegen tatsächlich zwei Feuchtigkeitsdosen auf die Spielfläche. Die ist an allen Seiten von Zuschauern umsessen und mit einem Goldkettchen-Vorhang bestückt. Durch ihn stolpern, rennen, hüpfen in den nächsten anderthalb Stunden zahlreiche aufs Grellste überzeichnete Klischee-Figuren in schrillfarbenen Glitzergymnastikhosen - Manege frei für die Neukölln-typische Mischung aus Eckkneipensitzern, Muskel-Machos, meckernden Bademeistern und studentisch rumhängenden Projektemachern.

Zwischen ihren meist ins Mikro gesprochenen Texten über zu nichts mehr kommende Mütter, den Gras-Verkauf in der Hasenheide und penetrante Anbaggereien treiben die Rollen-wechselnden Schauspieler eine Menge Zusatz-Schabernack. Eine Kopftuchdame schwingt zu den Hüften Petersilienbündel, Macker rappen mit Armmuskelattrappen, und zum Kopfstand steckt man das Haupt in Discount-Plastiktüten. Obendrein hat Gyr ein paar requisitorisch hinreißende Ideen, wie einen lebensgroßen Pappmaché-Pitbull, der Seifenblasen pupst. An lustigen Einfällen ist in dieser Zirkus-Revue also kein Mangel, nur leider bleiben Zellers Texte in ihrem kunstvollen Sprachwitz und ihrer Musikalität nicht zuletzt ob der suboptimalen Akustik des Öfteren auf der Strecke.

Der Theaterabend gehört zu einem der vielen sympathischen Image-Aufpäppelungsaktionen, mit denen der Heimathafen seit anderthalb Jahren den berüchtigten Stadtteil aufmischt - mit Erfolg! Es ist doch so, man wohnt lieber im Zirkus als im Ghetto.

Heimathafen Neukölln , Karl-Marx-Straße 141, Neukölln. Karten unter Tel. 568 213 33. Weitere Termine: 30. Juni, 1. und 2. Juli, jeweils 21 Uhr.