Polizeiruf 110

Die Neue, die nach Brandenburg heimkehrt

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Arne Willander

Die Nachfolgerin der vom Leben gezeichneten, melancholischen und unverstellten Imogen Kogge spricht auch Russisch, wenn es sein muss:

Hauptkommissarin Olga Lenski wurde wohl in Brandenburg geboren, sie arbeitete dann in Frankfurt und in New York, und nun erklärt sie der Belegschaft im provinziellen Potsdamer Polizeirevier: "Ick wurde nich' strafversetzt. Ick wollte einfach wieder nach Hause." Diese Olga Lenski, wie Maria Simon sie spielt, ist nervös, emotional, sprunghaft. Und nicht verheiratet, wie sie auf Nachfrage preisgibt.

Mit dem stoischen Polizistendenkmal Krause (Horst Krause) bildet sie in "Die verlorene Tochter" ein bizarres Duo. Der Häftling Felix Diest (Tom Schilling) ist geflohen und fordert Genugtuung von dem Astrophysiker Professor Ulrich Oppermann (schneidend arrogant: Burghart Klaußner), dem er die Idee für ein preisgekröntes Teleskop geliefert hatte, woraufhin er entlassen wurde und bei einer Amokfahrt im Auto einen Polizisten tötete. Zugleich ist die Tochter von Diests labiler Schwester Anne (heulsusig: Valerie Koch) verschwunden. Weil Oppermann und seine neurotische Frau vor Jahren ihre Tochter verloren haben, ist bald die Verbindung erkennbar.

Tom Schilling schippert auf einem Segelboot herum, Horst Krause stapft schwer atmend durch die Fauna, Burghart Klaußner formuliert seine Sätze unerbittlich wie in Michael Hanekes "Das weiße Band", Maria Simon ist wunderschön, braucht einen Kaffee und hat nie Zeit: Die Schauspieler dominieren "Die verlorene Tochter" so sehr, dass man sich eine andere Geschichte als die krude Kriminalhandlung wünscht. Und der von Bernd Böhlich geschriebene und inszenierte Film handelt auch nur vordergründig von geistigem Diebstahl und Kindesentführung.

Tatsächlich geht es wie in den besten "Polizeiruf"-Filmen um Menschen, die einander nahe sind und sich doch nicht verstehen, um versehrte Leben, um die Kollision von sozialen Systemen, um die Landschaft und die Leute. Wenn Horst Krause mit stolzer Polizeimütze und Lederjacke am Ende des wunderbar gebremsten, elegischen Films ein marodes Gemäuer besichtigt und "Das Haus passt zu ihnen!" zu Maria Simon sagt und die Kamera einfach über die herbstliche Landschaft schwenkt, dann ist diese Fernsehreihe ganz bei sich selbst. Die langsame Heimkehr der Olga Lenski (und ihr Geheimnis) wird den "Polizeiruf" noch an vielen Sonntagen zum Pflichtprogramm machen.

ARD , heute, 20.15 Uhr