Candide

Bunte Kostüme, attraktive Sänger, wenig Handlung

| Lesedauer: 5 Minuten
Klaus Geitel

Bernsteins "Candide" ist so etwas wie ein theatralischer Blasebalg. Wer auch immer hineinpustet, dem geht eher die Puste aus, als dass sich das wagemutige Unternehmen zu einer vernünftigen Sache rundet.

Dabei dreht sich bei Voltaire, dem philosophierenden Hausherrn des "Candide", im Grunde alles einzig um Vernunft. Doch die ist unter den unternehmungslustigen Theatermachern oft Mangelware.

Bernstein war noch nicht Lennie, der vielgeliebt Große, als er dem immerhin weit größeren Voltaire auf den Leim ging. Noch immer liest man dessen "Candide" mit Entzücken. Man genießt seinen Witz, die geradezu krakeelende, doch immer elegante Phantasie, das Abenteuer dieser wild vor sich hinhüpfenden Erzählung. Nur wie sollte man ihre Geschwindigkeit angemessen und gleichzeitig unterhaltsam auf die Bühne bringen? Das war die Frage. Sie blieb bis heute ungelöst. Die Staatsoper spielt im Schiller-Theater Bernsteins "Candide" in englischer Sprache. Also bitte beim Theaterbesuch die Brille nicht vergessen. Es gibt viel zu lesen, dennoch kommt man dem Stück selbst damit kaum auf die Schliche. Und das von Anfang an nicht.

Allein schon Lillian Hellman, die Literatin, mit der Bernstein zusammenarbeitete, um ein komponierbares Libretto auf die Beine zu stellen, legte dem Maestro vierzehn verschiedene Szenenfolgen und Textfassungen vor. Bernstein selbst beteiligte sich bis zu seinem Tode sage und schreibe an sieben Umarbeitungen. Was jetzt im Schiller-Theater zu sehen und zu hören ist, gibt sich als Version der Schottischen Oper von 1989 zu erkennen. Sie ist reich an Turbulenzen.

"Candide" ist die durch und durch schief laufende Entwicklungsgeschichte eines jungen Mannes, aber er bleibt mit seinen braven Anschauungen vom Menschsein seinem philosophierenden Lehrherrn treu. Gleichzeitig aber auch dem bezaubernden jungen Mädchen namens Cunegonde. Das ist das Verhängnis. Der feine, adelige Herr von Vater schmeißt den Jüngling aus dem Haus, mitten hinein in das mörderische Kriegsgeschehen des Jahrhunderts. Wie man das überlebt, lehrt das Stück. Candide ist auf Pech und unaufhaltsame Schicksalsschläge geradezu abonniert.

Das Glück für Bernstein ist dagegen die Weltreise, die Candide antritt. Sie führt ihn von einem Zentrum der Musik zum andern. Bald gibt sich die Musik treudeutsch, bald geschwängert mit italienischer Melodik und virtuosem Gesang. Bald kommen Spanien und Südamerika musikalisch ausgiebig gepfeffert zu Wort.

Die Texte haben Stephen Sondheim, John Latouche, Dorothy Parker, Lillian Hellman und, siehe da, auch Bernstein selbst beigesteuert. Mehr ging nun wirklich nicht. Oder doch? Der Programmzettel verweist außerdem auf Hugh Wheeler als Autor des Buches, mit dem Text von Richard Wilbur. Es setzt ein wahres Literatenballett, eingekleidet, wie es sich gehört, von Christian Lacroix, dem Modezaren (von einst).

Von seiner sensationellen Kunst zeigt sich allerdings wenig. Nur zwei bis zu den Augenbrauen reichlich aufgedonnerte Damen in Schwarz, die fleißig die Vorhänge ziehen oder aus deftigem Krankenhaustopf Suppe oder Was-weiß-ich in die leeren Teller knallen, ziehen die ihnen gar nicht zukommende Aufmerksamkeit an. Sie sind und bleiben Statistinnen, selbst im Kleid von Lacroix.

Vincent Boussard zeichnet als Regisseur, der eher das Publikum, denn die Darsteller ins Schwitzen bringt. Es kommt aus dem Rätselraten zweieinhalb Stunden nicht heraus. Denn in der dreißigminütigen Gnadenzeit namens Pause wird natürlich weiter der Kopf zerbrochen, was das Ganze denn soll. Es soll wohl im Grunde nichts anderes als Tantieme einbringen. Oder einsingen. Denn das gelingt zeitweilig vorzüglich.

Leonardo Capalbo ist ein Tenor wie aus dem Wunderbuch des Theaterspiels. Wer kann mit dem gar nicht vorhandenen Bauch auf einem hohen Türrahmen liegen, die Aktentasche in der Hand, und ohne herunterzufallen köstlich singen. Capalbo ist so etwas Einzigartiges wie ein Tenorakrobat. Nicht weniger weiß Maria Bengtsson zu entzücken, eine Sopranistin feinsten Kalibers. Je höher Bernstein ihre makellose Stimme hinaufschickt in die Sopranstratosphäre, desto vollblütiger klingt sie auf. Sie ist ein Wunder - und außerdem sieht sie wundervoll aus. Anja Silja grüßt überraschenderweise und herzlich willkommen als "The Old Lady" herein und singt prompt, der Rolle ganz und gar angemessen, mit Old-Lady-Ton. Graham F. Valentine, als Philosoph auf der Suche nach Schülern mit allerdings glücklosen Greifhänden bewaffnet, gibt die Rolle prompt als "Old Gentleman's Part".

Man rätselt und gähnt und räkelt sich und bewundert die Solisten. Im Grunde ist "Candide" weder Oper, noch Musical, noch Operette. Es ist musikalisches Cabaret und gehört in die "Bar jeder Vernunft", nicht in die Staatsoper.

Schiller-Theater , Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 203 54 555. Termine: heute, 27., 28., 30.Juli.

"Man rätselt und gähnt und räkelt sich und bewundert die Sänger"