Konzert

Janet Jacksons 90 Berliner Minuten ganz in Schwarz

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Sören Kittel

Sicherlich hat Janet Jackson am Freitagabend hinter der Bühne noch einmal genervt aufgestöhnt. Nach über 30 Jahren im Showgeschäft, nach 15 Alben und über 20 Nummer-1-Hits soll ihre große Show starten - und im Tempodrom klemmt der Vorhang.

Unendliche 60 Sekunden lang steht dort ein schwarz gekleideter Mensch und zerrt kräftig an dem großen Stoff mit dem Aufdruck "#1". Als die Bühne dann endlich freigegeben ist, sehen die Zuschauer zuerst ein Schwarz-Weiß-Video aus Janets großer Zeit: "Rhythm Nation", das Lied, das sie "all den schönen Menschen in Berlin" gewidmet hat.

Ein "intimes" Konzert sollte es werden, ihr einziger Auftritt in Deutschland, zu dem rund 3000 Fans gekommen sind. Einige hatten ein Madonna-T-Shirt angezogen, kein Wunder, fällt Janet mit ihren 45 Jahren auch in diese Hoch-Zeit des Pop - und muss sich eben nicht mehr mit einer Lady Gaga messen. Andere wiederum hatten sich als Michael Jackson verkleidet, schließlich fiel Janets Auftritt in Berlin ausgerechnet auf den Vorabend des zweiten Todestages ihres Bruders.

Eine recht aufwendige Choreografie

Doch Janet Jackson verlor zunächst darüber genauso wenig ein Wort, wie über den störrischen Vorhang. Sie spult ihre 21 Lieder nach dem gleichen Muster ab, wie sie das schon zuvor in Singapur, Manila und Chicago getan hatte - mit dem einen Unterschied, dass sie in Berlin ihre Garderobe in den drei Pausen nicht wechselt, sondern 90 Minuten lang schwarz gekleidet bleibt.

Im ersten Teil des dreiteiligen Konzerts singt sie vor allem ihre 80er-Jahre-Hits ("Control", "Miss you much" und "Nasty"), wobei viele Zuschauer an der Echtheit ihrer Stimme zweifelten, bei der recht aufwendigen Choreografie nimmt ihr das kein Fan übel, sondern spielt das Spiel mit und glaubt ihr jedes "I love you Berlin!" oder dieses Handzeichen, das sie im Laufe der Show immer wiederholt: Sie formt mit ihrer Hand ein Herz und wirft Handküsse. Janet hat so viel Liebe zu geben.

Für die meisten im Saal - darunter Moderatorin Inka Bause und TV-Juror Detlef D! Soost - war es wohl eine Reise in die eigene Jugend, lange bevor Janet mit ihren Gewichtsproblemen und einem verrutschen BH ("Nipplegate") in den Zeitungen auf sich aufmerksam machte. Das war die Zeit, in der sie noch ganz unironisch davon singen durfte, dass große Liebe vor dem ersten Sex auch warten muss ("Let's wait a while") oder dass sie sich jetzt auf gar keinen Fall noch einmal verlieben will ("Again"). Dieser zweite Teil des Konzertabends, in dem sie diese Balladen singt, ist wohl der stärkste, nicht nur, weil sie höchstwahrscheinlich wirklich live singt, sondern weil solche Nummern im Tempodrom in der Tat intimer wirken.

Zwanzig Minuten vor dem Ende des Konzerts ertönt plötzlich die Stimme ihres Bruders Michael aus dem Off, Janet stimmt ein und singt mit der Geisterstimme das Duett "Scream". Es handelt davon, dass man sie (Janet und Michael) nicht so sehr unter Druck setzen solle. Nach dem Tod ihres Bruders erzählt sie, dass sie von dessen Medikamentensucht wusste und schließlich gibt sie mehr und mehr von ihrer eigenen verkorksten Kindheit preis: "Ich schlug meinen Kopf gegen die Wand, weil ich mich so hässlich fand." Im Februar dieses Jahres nun kam ihr Buch "True You" heraus, in dem sie aus ihrer schwierigen Jugend erzählt, wie sehr sie unter ihrem Vater litt, von dem sie sich mit dem Album "Control" löste.

Als letzten Song sang sie "Together Again" und hinter ihr sind Kinder- und Jugendbilder von ihr und Michael zu sehen. "Ich kann Deinen Stern sehen", singt sie. Sie reckt die Arme in Richtung Decke und macht noch einmal ihre kitschige Hand-zu-Herzform-Geste. Doch vielleicht ist das einfach ihre Art, sich zu verabschieden, von ihrem Bruder einerseits und von ihren Fans, denn in einer noch kleineren Halle wird sie wohl nicht auftreten. Im Tempodrom waren noch ein paar Sitze frei.