Interview mit Claus Peymann

"Berlin ist eigentlich Barbarei"

Normalerweise gibt Claus Peymann Interviews in seinem Direktorenzimmer. Weil der Intendant des Berliner Ensembles (BE) aber später noch zum Flughafen Schönefeld muss, schlägt er als Treffpunkt seine (gemietete) Villa in Köpenick vor. Der Garten ist sehr gepflegt, auf den Stufen zum Haus stehen Blumentöpfe.

Wolkenloser Himmel, die Vögel zwitschern, wir setzen uns nach draußen. Peymann spannt den Sonnenschirm auf - und schwärmt von den selbst gezogenen Erdbeeren. Seinen Vertrag als Direktor hat der 74-Jährige bis 2014 verlängert. Mit Claus Peymann sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Herr Peymann, Sie leben hier draußen, ist da alles sehr fern?

Claus Peymann: Ich wollte immer möglichst weit weg vom Theater sein. Um eine Distanz zur Arbeit zu gewinnen.

Berliner Morgenpost: So wie Brecht?

Claus Peymann: Nicht, dass ich dem großen Vorbild Brecht nachgeeifert habe - der hat ja in Buckow gewohnt.

Berliner Morgenpost: Das hier ist aber schon die halbe Strecke.

Claus Peymann: Es gibt Kollegen, die am liebsten im Theater wohnen würden - das könnte ich nicht ertragen. Ich brauche den Abstand. Ich habe allerdings auch ein kleines Zimmer im Theater, wo ich mich ausruhen kann. Zwischen zwei Proben. Je älter ich werde, desto deutlicher besteht dazu Bedarf.

Berliner Morgenpost: Das Berliner Ensemble ist eine Ostgründung, viele Mitarbeiter haben dort ihre Wurzeln. Sind Sie nach Köpenick gezogen, um hausintern ein Signal zu senden?

Claus Peymann: Nein. Diese ganze Westecke wie Grunewald mit diesen Luxusgefügen wäre mir sowieso fremd, das ist ja auch eine Art von Ghetto. Ein schönes, klar. Aber hier ist so eine Gegend, wo sich das Bürgerliche mit dem Wohlhabenden oder auch Etablierten mischt. Diesen Hochmut im Grunewald, den würde ich nicht aushalten. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Berliner Morgenpost: Zum Wasser ist es auch nicht weit.

Claus Peymann: Da gehe ich im Sommer regelmäßig schwimmen. Außerdem laufe ich zwei, drei Mal in der Woche durch den Köpenicker Forst.

Berliner Morgenpost: Und wenn Wildschweine hinter Ihnen her sind, stellen Sie neue Streckenrekorde auf?

Claus Peymann: Mit den Wildschweinen hatte ich hier im Garten Probleme. Aber seit der Vermieter dort hinten (er zeigt auf den Nutzgarten) einen Stammheim-Zaun hochgezogen hat, ist das Problem gelöst.

Berliner Morgenpost: Also stört Sie niemand beim Joggen?

Claus Peymann: Mitunter werde ich nach einem Autogramm gefragt.

Berliner Morgenpost: Ich dachte, diese Art der Verehrung existiert nur in Wien, wo Sie einige Jahre lang Burgtheater-Direktor waren.

Claus Peymann: Berlin ist dem Kern nach eigentlich Barbarei. Gerade wenn man aus Wien kommt, fühlt man den Unterschied. Das Theater ist hier nicht Teil der Identität. Die jüdische Oberschicht wurde von den Nazis vertrieben oder umgebracht. Davon hat sich die Stadt nie erholt. In Wien gibt es eine Schicht, die das Theater liebt und schützt. Ich weiß nicht, wer in Berlin das Theater liebt und schützt - das Schiller-Theater jedenfalls ist sang- und klanglos gekillt worden. Da könnte Berlin noch einiges dazulernen, auch deshalb bin ich hierher gekommen. Um Nachhilfeunterricht zu geben.

Berliner Morgenpost: Hat es etwas genutzt?

Claus Peymann: Ich glaube, ich bin gescheitert.

Berliner Morgenpost: Ein bisschen Zeit haben Sie noch, Ihr neuer Vertrag läuft bis Sommer 2014. Sie wären dann 77 Jahre alt?

Claus Peymann: Das hat auch etwas mit Trotz zu tun. Der Jugendwahn im Theater führt mittlerweile dazu, dass die Alten einfach aussortiert werden wie Leichen. Dadurch hat sich eine Diktatur des Nichtkönnens verbreitet. An der Spitze dieser Nichtskönner stand der leider viel zu früh verstorbene Christoph Schlingensief. Ein sehr spezieller, charismatischer Mensch, aber kein Theater-Regisseur. Er hat sich bei uns beworben und ich habe ihm gesagt: Wenn Sie als Entertainer auftreten, sind Sie willkommen, aber nicht als Regisseur. Schlingensief stand in einer Reihe mit Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk.

Berliner Morgenpost: Beim Theatertreffen waren die Alten kein Thema, diskutiert wurde darüber, dass Frauen in Leitungspositionen unterrepräsentiert sind. Sind Bühnen doch Horte des Konservatismus?

Claus Peymann: Die bedeutendste Theaterregisseurin unserer Zeit ist Pina Bausch - eine Frau. Gleich dahinter kommt Andrea Breth. Vielleicht oute ich mich jetzt als Reaktionär: Aber natürlich werden Theater wie Familien geführt. So ist das gebaut. Mag sein, dass sich das jetzt ändert. Ich freue mich, dass Karin Henkel, eine langjährige Regieassistentin von mir, jetzt so reüssiert. Oder die Bühnenbildnerin Katrin Brack. Leute, die aus dem Peymann-Stall kommen. Die sind begabt. Und Begabung setzt sich durch. Wir haben Frauen nicht bewusst verhindert. Den Weg in Leitungspositionen haben sie lange Zeit kaum angestrebt. Da hat sich in den vergangenen Jahren gesellschaftlich viel verändert. Und es gibt ja mittlerweile viele Intendantinnen, schauen Sie nach Graz, Freiburg, Düsseldorf, Köln oder auch an die Deutsche Oper Berlin. Warum wechselt Karin Beier ans Hamburger Schauspielhaus? Nicht weil sie eine Frau, sondern weil sie eine gute Intendantin ist.

Berliner Morgenpost: Sie haben in dieser Spielzeit mit Ravenhills "Freedom and democracy - I hate you" ein Stück eines englischen Gegenwartsdramatikers inszeniert, das man eher an der Schaubühne erwartet hätte. Die Aufführung wird nächste Woche zum letzten Mal gezeigt. Ist die Auslastung so niedrig?

Claus Peymann: Sie liegt bei 72 Prozent.

Berliner Morgenpost: Darüber würden sich manche Theater freuen.

Claus Peymann: Wir haben höhere Ansprüche, deshalb fliegt auch eine Arbeit des Intendanten raus, wenn sie nicht an der Kasse funktioniert.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich den Flop?

Claus Peymann: Wir haben die Menschen weggezaubert von der Wirklichkeit mit den Aufführungen von Bob Wilson oder den großen Klassik-Expeditionen von Peter Stein oder mit meinen Inszenierungen der Handke-Stücke, aber wir haben Ihnen nicht den Schrecken gezeigt. Es gibt andere Theater in Berlin wie die Volksbühne, die zeigen nur den Schrecken. Das wollen die Leute aber auch nicht sehen. Mit dem Ravenhill ist plötzlich der Schrecken im BE angekommen: Das Blut auf der Bühne, zerschossene Frauen, mordende Soldaten in einem authentischen, realitätsnahen Ausdruck. Das verweigern die Leute. Ich bin dadurch in die größte Krise dieser elf Jahre in Berlin geraten.

Berliner Morgenpost: Wegen einer einzigen Inszenierung?

Claus Peymann: Wegen eines Stückes, das mir sehr wichtig war. Wissen Sie, vielleicht kommt dem Theater heute eine andere Aufgabe zu als zu schocken: Das Bewahren. Museen machen das schon lange, sie zeigen die alten Meister.

Berliner Morgenpost: Also zurück zu den Klassikern?

Claus Peymann: Da liegt ein viel größeres avantgardistisches Potenzial drin als in den kleinen, ichbezogenen Dramolettchen der Gegenwart, die alle ihre Preise bekommen. In der großen Form mit großer Literatur gegen eine zunehmend sich unliterarisch gebende Welt. In der nur Augenblickspolitik gemacht wird. Leute reagieren erst, wenn etwas passiert ist. Aber eine Politik ohne jede Vision, ohne jede Zukunft ist verloren. Wir leben momentan in dieser geschichtslosen Zeit -- das betrifft die jungen Regisseure ebenso wie Angela Merkel. Niemand blickt zurück - oder weit nach vorn. Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften - frei nach Lessing und Schiller. Wir können einen Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechts leisten.