Musik

Ein Komponist entdeckt Nofretetes Rätselhaftigkeit

Beim "Klavierfieber", wie sich das von Dieter Rexroth und Gabriele Minz ausgetüftelte kleine Festival nennt, geht es um Klavierkunst, nicht um Wichtigtuerei vor den schwarzweißen Tasten.

Allein schon wer den jungen Russen Denis Kozhukhin (24) im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek spielen hörte, durfte sich wie auf einer musikalischen Entdeckungsreise fühlen. Und dies zu Beginn ausgerechnet mit Hindemith, dem vielerorts zurückgesetzten und verschmähten. Kozhukhin spielt Hindemiths 3. Sonate (von 1936) wie mit gemeißeltem Furor.

Zwischen Prokofjew und Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" rangiert die Novität des Abends: die zehnminütige Auftragskomposition von Sören Nils Eichberg. Sie trägt den erstaunlichen Titel "Nofretete", und prompt paradiert das Wunderwerk des alten Ägypten ohne die geringste Scheu auf der Leinwand herauf. Es braucht sich, wie jeder weiß, natürlich nicht zu verstecken, aber das braucht auch Eichbergs Klaviergedicht nicht. Es huldigt mit gleichen Kräften der heraufbeschworenen Königin wie der ganz und gar eigenständigen musikalischen Sprache.

Eichberg war es aufgegeben, ein Werk der bildenden Kunst in seiner Musik nachzuempfinden. Dass er sich dazu (zur Überraschung der Auftraggeber) ausgerechnet die weltberühmte schöne Ägypterin aus Berlins Museum erwählte, zeugt von Mut, aber auch von kompositorischem Selbstvertrauen. Es galt, die gewaltige Rätselhaftigkeit der Vergangenheit mit der kaum weniger großen der Gegenwart zusammenzuzwingen und keine von beiden dabei zu ersticken. Das gelingt Eichberg vorzüglich. Er ist ein Komponist mit Bedacht. Dabei ein Enthusiast, wie sich Nofretete keinen virileren und einfallsreicheren hätte wünschen können. Sein Stück besitzt Kalkül - und Temperament. Beides lag bei Kozhukhin in den besten Händen. Hoffentlich kehrt er bald an pianistisch repräsentativer Stelle nach Berlin zurück.