Konzert

Furchtlos und heiter: Haydns Schöpfung in der Philharmonie

Nie hat ein musikalisch milderes Chaos geherrscht als am Anfang von Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung", prachtvoll aufgeführt vom RundfunkSinfonieorchester unter Marek Janowski in der Philharmonie.

Da wispert etwas, kräuselt sich etwas dezent, rudert musikalisch bedächtig voran, bis die Verkündung nachdrücklich aufklingt: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Es ist heute schon beinahe beruhigend, dass man nicht ahnen kann, wie es im Himmel aussieht. Von der Erde weiß man es nur allzu genau. Sie hat sich zu einem Kramladen der Begierden herunterentwickelt, des Machtwillens, der Eitelkeiten, des offenbar nicht zu stoppenden Völkermords.

Nichts davon bei Haydn. Es zählt einzig die Seligkeit, von einem rundum gütigen Gott geschaffen zu sein und dies auf einer rundum Staunen erregend bezaubernden Erde. Das Werk gibt sich furchtlos, neugierig und heiter. Es herrscht musikalisch tiefste Zustimmung zu Gottes Wunderwerk, gespeist mit unerschütterlicher Andacht, nur gelegentlich durch belustigende Anmerkungen zur frisch geschaffenen abenteuerlichen Tierwelt angekichert.

Im RIAS-Kammerchor, diesmal unter gastweiser Leitung des hervorragend diskreten Michael Gläser, singt sich Haydns Meisterwerk aufs anrührendste aus. Es lobt aufrichtig den Herrn. Wie es ja auch sein soll. Es setzt keinen einkomponierten Einwand in die allgemeine Seligkeit. Das ist natürlich gut und richtig und herzlich willkommen. Zu diesem Eindruck tragen natürlich die drei hervorragenden Solisten bei. Die höchsten Trümpfe trägt Julia Kleiter in der wahrhaft bezaubernden Kehle: eine Sopranistin von höchster Singanmut und Lebendigkeit, ob sie sich nun als Erzengel Gabriel oder als frisch aus Gottes Handgelenk geborene Eva verlautbart. Sie ist das Singglück im paradiesischen Garten.

Ihr zur Seite natürlich Adam, von dem Dänen Johan Reiter mit feinem, nuancenreichem Bassbariton gesungen, wie ihn jede frisch geschaffene Familie gern in ihren Reihen wüsste. Michael Schade sang mit herrscherhaftem Selbstverständnis den Tenorpart. Ringsum herrschte glücklichster philharmonischer Friede auf Haydns neugeschaffener Podiums-Erde. Ach, wäre es doch nur so geblieben.