Theater

Die Wutbürger waren anderswo: Diskussion um Kudammbühnen

Wo bleiben die Wutbürger? Die beiden Traditionshäuser Theater am Kurfürstendamm und die Komödie am Kurfürstendamm sollen im Rahmen der Umgestaltung des Kudamm-Karrees abgerissen werden. Ein Zeitpunkt steht noch nicht fest, bislang liegt nicht einmal eine Baugenehmigung vor.

Seit das Volksbegehren zum Erhalt beider Theater abgelehnt wurde, ist es ruhiger um die Bühnen geworden. Es gab es keine Demonstranten auf der Straße, nicht mal eine läppische Studentin mit einer Unterschriftenliste, als am Sonntag 100 Theaterfreunde zu einer Podiumsdiskussion am Kudamm eintrafen. "Lohnt sich das ganze Theater?" hieß die Veranstaltung. Es ging um "die Zukunft des Boulevardtheaters in Berlin."

Die Teilnehmer gaben sich entsprechend Mühe, ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen. "Wir leben in einer Zeit, wo das Publikum gegen die Politiker nicht ankommt", schimpfte TV-Star Hugo Egon Balder. "Sie machen, was sie wollen, und egal was man macht, man kommt nicht gegen sie an." Im Publikum kräftiges Nicken. Georg Vierthaler, geschäftsführender Direktor des Konzerthauses, machte klar, dass privates Theater schwieriger zu finanzieren sei als subventioniertes, auch das kam gut an. Regisseur Wolf Gremm beschwor die Romantik des Boulevardtheaters, indem er es "buntgescheckt wie ein Narrenkleid" beschrieb, und Bühnenstar Katharina Thalbach setzte noch einen drauf: "Ich finde die Unterteilung in E- und U-Kultur lächerlich. Es gibt auch ernsthafte Stücke, wo ich einschnarche, bei Wagner zum Beispiel - meine Lieblingsoper von Wagner ist 'Der Fliegende Holländer', weil sie die kürzeste ist."

Besser ein Theater als kein Theater

Doch irgendwie wollte im Publikum keine rechte Wut aufkommen. Warum nur? Vielleicht lag es daran, dass nach sechs Jahren ein wenig die Luft raus ist. Als damals bekannt wurde, dass das Kudamm-Karree umgestaltet und die Theater abgerissen werden sollten, gab es noch Proteste. Jetzt ist es soweit - vermutlich beginnen 2012 die Bauarbeiten - und der Direktor der Bühnen, Martin Woelffer, verweist darauf, dass es hätte schlimmer kommen können. "Man muss die Investoren ein bisschen in Schutz nehmen, immerhin wollen sie das Theater bewahren", sagte er. Woelffer konnte Ballymore dazu bringen, im von Stararchitekt David Chipperfield gestalteten Gebäude auch ein neues Theater mit 650 Plätzen zu bauen. Besser eins als keins, das ist Woelffers Motto. Zwar haben seine Bühnen mit rund 230 000 bis 240 000 Besuchern pro Jahr die meisten im Vergleich zu den anderen Berliner Sprechtheatern, aber rein kapazitätsmäßig könnten es mehr sein.

Eine Garantie, dass man nach drei Jahren Umbaupause wieder einziehen kann, ist gar nicht so wenig. Das wussten auch die Teilnehmer der Diskussion. Vielleicht hielt sich ihre Empörung auch deswegen in Grenzen. Am Ende wurde nicht zu einer Unterschriftenaktion oder zu einem Marsch zum Roten Rathaus aufgerufen, um staatliche Unterstützung zu fordern, sondern das Publikum gebeten, über den Verein "Freunde von Boulevard- und Unterhaltungstheater in Berlin" die Kudamm-Bühnen bei der Suche nach einer Spielort-Zwischenlösung zu unterstützen. Vielleicht lag es aber einfach an den Stühlen. Es ist ziemlich eng in der Komödie. Man wird über den drohenden Abriss eines Theaters nicht so wütend, wenn man heimlich hofft, dass die Stühle im neuen bequemer sind.