Ausstellung

Im Kosmos der Berliner Kunst

Draußen in der Sonne tummeln sich Kinder und Erwachsene auf einem meterhohen lila Luftkissen, weicher als "Soft Solution" könnte es in einer Lounge kaum sein. Drinnen zeigt sich das Haus mit neuem Interieur.

Seit Thomas Köhler vor knapp einem Jahr sein Amt als Direktor in der Berlinschen Galerie antrat, lag ihm die Neupräsentation der hochkarätigen Sammlung des Hauses am Herzen. Die alte, teilweise diagonal angelegte Ausstellungsarchitektur war ihm lange schon ein Dorn im Auge, erzählt er.

Verblüffend, was eine schlichte, moderne Raumgestaltung bewirken kann. Alles wirkt großzügig, locker gehängt, vor allem elegant. Das war nicht ganz einfach, denn das Haus, ein ehemaliges Glaslager, ist nicht als Museum konzipiert. Die Decken sind nicht sehr hoch, die Wandflächen knapp. Der Kanadier David Saik löste die alte Struktur komplett auf und ordnete das gesamte Obergeschoss in 17 klar definierte, offene Räume, die sich farbig - in Beige, Schlamm und Rot - auf bestimmte Themen beziehen. Das Grau beispielsweise simuliert die gediegene Salon-Atmosphäre des Wilhelminismus. Ein absoluter Gewinn, zumal der chronologische Rundgang weitaus besucherfreundlicher orientiert ist als bislang. Erstaunlich, in welchem anderen Licht man hier die reiche Dauerausstellung noch einmal ganz anders sehen kann: vom Jugendstil über jene Arbeiten der Stunde Null bis hin zu Architekturentwürfen und Fotos des ICC, der Stalinallee oder dem Hansaviertel aus dem 70er Jahren. Ost- und West prallen hier aufeinander.

Großer Auftritt für die Dadaisten

400 Werke werden präsentiert, ein Bruchteil dessen, was zur Kollektion gehört. Die "Großen" von Sezession und Expressionismus, der November-Gruppe und der Galerie Sturm treten an: Liebermann, Corinth, Beckmann und Kokoschka, Meidner und Lehmbruck. Großartig gelungen ist das Refugium der Dadaisten - Lady Hannah Höch hat hier einen starken Auftritt. Genauso wie die "Hausheiligen" Otto Dix und George Grosz. Natürlich gibt es auch ein Wiedersehen mit Marwan, Eugen Schönbeck und George Baselitz, die sich ein intimeres Kabinett teilen. Ein Raum beschäftigt sich mit Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus. Demzufolge wird dem Besucher ein chronologischer wie kontrastreicher Überblick über die Berliner Kunstgeschichte im Zeitraum von 1880 bis 1980 vermittelt. Einmal mehr vermittelt diese Dauerschau, welchen Stellenwert Berlin als Stadt des Um- und Aufbruch, als Metropole der Moderne, hatte.

Wer in die Berlinische Galerie kommt, den empfängt neben der ständigen Sammlung im Untergeschoss ein wirklich gelungener Ausstellungsmix, der Lust auf mehr macht. Angela Bulloch, Jahrgang 1966, hat ihre "Manifeste" in der Eingangshalle raumgreifend angebracht. Rainer Fetting, der ja längst kein "Wilder" mehr sein möchte, zeigt in seinen Farbtableaus wie Berlin einmal war, und wie es heute aussieht - freilich ganz subjektiv. Ein Coup ist, Teil der Gruppenschau von "Based in Berlin", die nachgebaute geheimnisvolle "Werkstatt" namens "Phallusies. An Arabian Mystery" von Simon Fujiwara. Der Künstler lebt in der Stadt und rekonstruierte eine ziemlich skurrile Museums-Recherche nach einem antiken Phallus, der auch gut eine alte Säule sein könnte. Hier geht es um Fiktion und Wahrheit: der Besucher muss sich selbst ein Bild machen, welcher Version der Geschichte er denn Glauben schenken mag. Neu ist ebenso die kleine Schau über den ungarischen Schriftsteller und Maler Lajos Kassák. Eine Berliner Spurensuche - bei Herbert Walden stellte der umtriebige Künstler in Berlin aus.

Mit diesem cleveren Mix und sechs bis acht verschiedenen Ausstellungsprojekten pro Jahr versteht es Thomas Köhler, die verschiedensten Leute ans Haus zu ziehen. Er setzt auf die Trias von Klassischer Moderne, Zeitgenössischem und Fotografie, die ein starkes Publikum hat. In diesem Bereich gibt es Neues zu melden: Für nächstes Jahr plant das Haus eine Überblicksausstellung zur Fotografie der DDR in den Jahren 1945 bis 1989. Als nächstes gibt es ab Oktober eine Retrospektive über Friedrich Seidenstücker (1882-1966), dem Berliner Fotografen, der gerade bei Zoofans als legendärer Tierfotograf gilt, weil er die Zwei- und Vierbeiner mit einem hintergründigen Humor fotografierte. Lachende Nilpferde mag nun wohl jeder, und eine Kuh überm Kinderwagen auch. Aber auch seine atmosphärisch dichten Fotografien über das Alltagsleben der Weimarer Republik haben ihren Bestand.

Nachlass auf dem Trödel

Sein Nachlass wurde Anfang der 1970er Jahre bei einem Trödler entdeckt, dass Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz erwarb die Fotos für nur wenige Hundert DM, 14 000 Prints gehören mittlerweile zum Bestand, 200 Fotografien besitzt die Berlinische Galerie. Zeit also, für eine Neuentdeckung. Wer Thomas Köhler kennt, weiß, dass ihm bei der breit angelegten Sammlung auch in den kommenden Jahren die Ideen nicht ausgehen werden. Die jungen Künstler wird er dabei nicht aus dem Blick verlieren.