Kyoto-Tagebuch

Endlich Popstar

Reist man in diesen Wochen durch Japan, hört man einen Satz immer wieder: Danke, dass Sie gekommen sind. Spätestens wenn ich den Fotoapparat auspacke, steht jemand neben mir. Ob ich reise, woher ich komme und ob meine Familie mich davon abhalten wollte.

Manche nehmen mir meine Kamera aus der Hand, um mich vor den Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Eine Reihe Bilder, auf denen ich zu sehen bin, irritierter Blick, Buddha im Hintergrund, fotografiert von Fremden, die das unbedingt wollten. Noch mehr Bilder gibt es mit Kindern, die mir nicht gehören. Unmöglich zu sagen, auf wie vielen Fotos ich neben Mädchen in Schuluniformen stehe.

Japans Schüler scheinen täglich auf Exkursion zu sein. Kein Weltkulturerbe ohne Horden von Schulklassen. Genau genommen gibt es an den Weltkulturerbestätten nur Kinder. Und mich. Mit Fragebögen aus dem Englischunterricht stürmen sie auf mich zu und nach dem dritten Überfall bin ich vorbereitet: Ich heiße Lucy, ich komme aus Deutschland und Japan ist großartig. Anschließend mache ich mit allen zusammen das Peace-Zeichen und wir lassen uns ablichten.

Ein Gefühl zwischen Popstar und Außerirdischer. Abseits der Attraktionen kann ein solcher Status hilfreich sein. Hier kann ich meine Orientierungslosigkeit gefahrlos ausleben. Ich weiß ja zuhause schon nicht, wo Norden ist, aber dort kann ich immerhin Straßennamen lesen, dort haben die Straßen immerhin einen Namen und auch ein Schild dazu. Hier stelle ich mich an die Ecke, falte den Plan auf, gucke außerirdisch in die Gegend und lasse mich aufsammeln.

Diese Technik funktioniert in Japan ausgezeichnet. Nach spätestens zwei Minuten fragt jemand, wo ich hin will. Meist haben sie selbst keine Ahnung, laufen aber mit dem Plan vor mir her und fragen jeden auf der Straße, bis sie mich am Zielort abgesetzt haben.

Überhaupt keine Hilfe benötigt man dagegen beim Zugfahren. Wer gezwungen ist, mit der Deutschen Bahn zu leben, ist ja schon dankbar, wenn er während der Fahrt mit einem ICE nicht dehydriert. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen aber sieht aus, als könnte man mit ihm bis zum Mond durchbrettern und fühlt sich genauso an. Beim Anfahren drückt es mich in den Sitz und dieses Gefühl hört so schnell nicht mehr auf.

Von Kyoto nach Hakata ist es nicht weit, hatte ich gehört, da bist du in zwei Stunden. Mehr hatte mich auch gar nicht interessiert. Erst als ich drinsitze, wird mir klar, dass es bis Hakata fünf Stopps sind und knapp 700 Kilometer. Schon die Abfahrtshalle erinnert an einen Flughafen: gläserne Wartezonen, Souvenirs, Pralinen, Marmortoiletten. Wir schießen über die Hauptinsel Honshu auf die Nachbarinsel Kyushu. Ich sehe Berge, Baseballstadien, Reisfelder und Vergnügungsparks vorbeifliegen. Um mich herum nichts als schwarze Anzüge und weiße Hemden. Die Klimaanlage läuft auf perfekter Temperatur, der Schaffner verbeugt sich, wenn er den Waggon betritt und verlässt.

Während der Fahrt wird man nur einmal kontrolliert, egal wie oft Schichtwechsel ist. Sie notieren Sitzplatz und Ziel und geben das an ihren Kollegen weiter. Da wird nicht in den Wagen gebrüllt, ob jemand zugestiegen ist. Überhaupt ist es ganz still. Es wird darum gebeten, das Mobiltelefon stumm zu schalten und jeder hält sich daran. Zum Telefonieren geht man in die Bereiche zwischen den Waggons.

An jedem Fensterplatz gibt es Steckdosen, die auch funktionieren. Zwischen Wagen 2 und 3 gibt es Raucherkabinen, die nicht mal stinken. Das Ein- und Aussteigen an den Bahnhöfen dauert 30 Sekunden. Die Fahrgäste warten in einer Reihe an den markierten Punkten, wo sich die Türen öffnen, pünktlich natürlich. Am Gleis stehen Angestellte von Japan Rail und verneigen sich bei der Ausfahrt des Zuges.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Institutes in Kyoto. Sie schreibt jeden Sonnabend über ihr Gastland.