Interview mit John von Düffel

"Lachen wird unterschätzt"

John von Düffel, 44, ist Romanautor und Dramatiker sowie Dramaturg am Deutschen Theater (DT). Bekannt ist der leidenschaftliche Langstreckenschwimmer und -läufer für Romane wie "Vom Wasser" oder "Houwelandt", und für seine Theaterfassungen von Thomas Manns "Buddenbrooks" oder Uwe Tellkamps "Der Turm".

John von Düffel ist zudem an der Auswahl der Stücke für die Autorentheatertage beteiligt. 2001 am Hamburger Thalia Theater begründet, hat DT-Intendant Ulrich Khuon das Festival mit nach Berlin genommen, wo es jetzt zum zweiten Mal stattfindet. Mit John von Düffel sprachen Elena Philipp und Matthias Wulff.

Berliner Morgenpost: Herr Düffel, die Autorentheatertage beschäftigen sich in diesem Jahr mit Komödien und wir haben uns gewundert, wie Sie da hineingeraten sind. Asketische Menschen - Sie arbeiten von früh bis spät, schwimmen fanatisch und leben komplett drogenfrei - gelten doch eigentlich als humorlos?

John von Düffel: Ich bin eher Komödiant und bin mit einem komödiantischen Impetus zum Theater gegangen. Meine asketische Lebensweise hat etwas mit einem natürlichen Überschuss an Fröhlichkeit zu tun, der mich auf manche Dinge verzichten lässt. Im Theater muss ich mein sonniges Gemüt oft verbergen: In Deutschland werden Melancholie und Depression gern mit Intelligenz gleichgesetzt und Fröhlichkeit mit Dummheit. Leider.

Berliner Morgenpost: Warum ist das so?

John von Düffel: Es hat etwas mit der Unterschätzung von Lachen zu tun. Lachen kann ja auch ein Erkenntnismoment sein. In dem Wort Pointe steckt, dass man nicht nur einen Witz macht, sondern die Dinge auf den Punkt bringt. Das kann Komödie.

Berliner Morgenpost: Die Unterschätzung der Komödie ist ein deutsches Phänomen, oder?

John von Düffel: Man kann es am Theater ganz klar ablesen. Komödie in England und Frankreich ist eine hohe, geschätzte Form. Wenn wir sie importieren, ist sie wieder salonfähig, wie ja auch der Erfolg der französischen Autorin Yasmina Reza zeigt. In Deutschland gibt es einige kanonische Komödien, aber "Der zerbrochne Krug" ist nicht unbedingt ein Schenkelklopfer. Die deutsche Komödie ist eigentlich ein Trauerspiel. Und der Boulevard wird als Kunstform vom Theater abgespalten. Kurz: Die Kunst der Komödie ist unterentwickelt.

Berliner Morgenpost: Aber das soll sich ja jetzt ändern.

John von Düffel: Genau, das wäre meine positive Überleitung zu den Autorentheatertagen. Gerade bei den Autoren der jüngeren Generation gibt es einige, die diese E- und U-Unterscheidung nicht so krampfhaft mitmachen. Die Komödie als Schema ist zwar erschöpft, Verwechslungs- oder Gender-Komödien holen ja keinen mehr hinter dem Ofen vor. Aber wie spielerisch ist die eigene Haltung zum Theater, wie leicht kann man auch werden - und wie viel Leichtigkeit kann man riskieren, ohne Angst zu haben, dass einem mangelnder Tiefsinn vorgeworfen wird?

Berliner Morgenpost: Sie selbst verbinden Boulevard und Hochkultur - Sie dramatisierten die "Buddenbrooks" und schrieben die Musicalfassung von "Der Schuh des Manitu". Wie kam das?

John von Düffel: Ich habe viel englisches Theater gesehen. Die Engländer sind toll in Dialogen, in Konversation. Dennoch merkt man - gerade wenn man viel Theater in Deutschland schaut -, dass es die Bildersprache, die Situationsfantasie und natürlich die Chuzpe von Regisseuren braucht, um Texte noch einmal zu neuem Leben zu erwecken. Das englische Theater ist weit davon entfernt, es ist sehr werktreu. Aber ich glaube, ich habe etwas von dem schwarzen Humor geerbt.

Berliner Morgenpost: Dieter Dorn, der Intendant des Münchner Residenztheaters, hat in einem Interview zu seinem Abschied Erfolg als ein volles Haus definiert. Wenn wir nach den Autorentheatertagen miteinander sprechen, was wäre für Sie ein Erfolg? Möglichst viele Lacher?

John von Düffel: Nein, zumal ja auch richtig große Gastspiele gar nicht auf Lacher aus sind. Es ist kein inzestuöses Festival. In Berlin hat das Publikum zwar eine gewisse Verbindung zu bestimmten Häusern - wie man seinen Kiez hat, so hat man auch seine Kulturinstitution -, ich glaube aber, dass gerade Festivals diese Kiezgängerei durchbrechen. Aber zum Erfolg: Das Wichtigste ist, dass man ein komplexeres Bild von Gegenwartsdramatik bekommt, und daraus resultierend ein Bewusstsein dafür, dass Theater nur dann lebendig ist, wenn es Geschichten über die eigene Gegenwart zu erzählen versucht. Wenn man sieht, wie unterschiedlich und wie eigen das die jeweiligen Autoren machen, dann kann man nicht mehr von der Gegenwartsdramatik sprechen, sondern bekommt ein Gefühl für die Vielstimmigkeit.

Berliner Morgenpost: Sie sprechen von den unterschiedlichen Zugriffen auf Gegenwart in der zeitgenössischen Dramatik. Ist auch die Komödie eine Frage des Zugriffs, das heißt, kann man jeden Stoff als Komödie erzählen?

John von Düffel: Ja, eigentlich müsste das gehen. Woody Allen sagt zum Beispiel, "Komik ist Tragik plus Zeit." Was er wohl eigentlich meint, ist Abstand: Wenn man mit einem gewissen Abstand auf die Dinge schaut, wenn man die Empathie, die Nähe der Tragödie herausnimmt und die Ereignisse mit Distanz oder Ironie betrachtet, dann ist auch Ödipus komisch. Jemand der eigentlich Schuld hat, es aber nicht sehen kann. Woody Allen hat sich ja sehr am ödipalen Thema abgearbeitet.

Berliner Morgenpost: Die Komödie gilt einerseits als leichtes Genre, andererseits als hohe Kunst. Wie empfinden Sie es als Autor - ist Komödie leicht oder schwer?

John von Düffel: Um bei den Schauspielern anzufangen: Sie haben vor Komödie immer auch ein wenig Angst, weil es eine extreme Timing-Angelegenheit ist. Ein Wort zu viel, zu schnell oder zu langsam - und die Pointe ist hinüber. Komödie erfordert eine extreme Präzision. In der Tragödie kann ich das Publikum insofern ignorieren als ich sage: Ich mute Euch das zu. Danach kann man immer sagen, Ihr habt es nicht verstanden. Komödie hingegen ist ein Dialog mit dem Publikum. Ich muss immer ein Bild davon haben, wo sind sie jetzt gerade? Ist das zu abgefahren, versteht man das noch, oder werde ich gerade zu brav und die Zuschauer sind viel schneller als ich in meinem Text? Beim Schreiben kann man das nur bedingt herausfinden, da muss einem die Spiellaune des Theaters helfen.

Berliner Morgenpost: Sie arbeiten als Autor - und als Dramaturg. Warum haben Sie sich für das Doppelleben entschieden?

John von Düffel: Eine Zeit lang habe ich gedacht, ich müsste mich für eines entscheiden, auch aus dem Gefühl heraus, man genügt der einen Sache nie ganz, weil man ja immer noch ein Zweitleben hat. Inzwischen denke ich aber, dass das für mich eine produktive Lebens- und Arbeitssituation ist. Die extreme Einsamkeit des Romanschreibens - ich würde eingehen, wenn ich nicht noch ein anderes Leben hätte. Andererseits würde mich das Verschwenderische an Kommunikation und Gemeinsamkeit, das in Theater steckt, aufbrauchen, wenn es nicht immer wieder diesen Moment des Rückzugs gäbe. Insofern ist die dialektische Lebenssituation von Einsamkeit - Gemeinsamkeit, vom Monomanen des Romans und dem Dialogischen des Theaters, für mich eine gute Existenz- und Arbeitsform. Nur konditionell ist es manchmal hart, weil natürlich beide Bereiche einen Absolutheitsanspruch stellen.