Historisches

Der letzte Zar als tragische Figur der Geschichte

Die Meinungen über den letzten russischen Zaren Nikolaus II. gehen auseinander. Für die einen ist er ein uneinsichtiger, rückwärtsgewandter Autokrat gewesen, hauptverantwortlich für den Niedergang des Russischen Reiches. Für die anderen dagegen ist er eine der tragischsten Figuren der modernen Geschichte.

Die vor kurzem in einer revidierten Neuauflage erschienene Biografie des Sachbuchautors Essad Bey (1905-1942) verbindet diese beiden konträren Ansichten. Der monarchistisch eingestellte Verfasser nimmt sich vor, den "Übertreibungen, Verleumdungen und Voreingenommenheiten" gegen den Zaren entgegenzuwirken, um das "wahre Antlitz eines einsamen Opfers" zu offenbaren.

Seine psychologisch angelegte "historische Biografie" erklärt die "inneren Beweggründe der kaiserlichen Taten" aus der Entwicklung des Menschen Nikolaus heraus. Das hindert Essad Bey jedoch nicht, den ambivalenten Charakter und Lebensweg des Zaren genau nachzuzeichnen. Seine Schüchternheit und sein Misstrauen, sein Zögern und seine vielen, mit krassen Konsequenzen verbundenen Fehlentscheidungen werden eindringlich aufgezeigt. Wie ein roter Faden ziehen sich so die kaiserlichen Missgriffe und Unglücksfälle durch die Biografie, für deren Verfasser das Leben des Zaren im Nachhinein jedoch "nur wie ein Mythos" erfasst werden kann.

Das Buch ist gut recherchiert und flüssig zu lesen. Ein Verzeichnis der verwendeten Quellen ist angehängt und ein Nachwort versorgt den Leser mit Informationen zur Entstehung des Buches, das mit Sachkenntnis, Anschaulichkeit und auch wenig bekannten Anekdoten punktet.

Essad Bey: Nikolaus II. Glanz und Untergang des letzten Zaren. Hrsg. von Behrang Samsami und Walter Delabar. Hans-Jürgen Maurer, Frankfurt/M., 436 S., 19,90 Euro