Interview mit Brad Pitt

"Ich tausche jeden Tag Jugend gegen Weisheit"

Wo immer Brad Pitt und Angelina Jolie auftauchen, spielen die Fans verrückt. Irgendetwas scheint diese Familie zu haben. Etwas, das unsere Sucht nach Glamour bedient, aber auch den Widerspruch herausfordert, dieser Schein könne nicht echt sein.

Nun spielt Brad Pitt in "The Tree of Life", dem Cannes-Gewinnerfilm, den er auch mitproduziert hat, einen ganz anderen Vater, als wir es von ihm gewohnt sind: ein strenges, hartherziges Familienoberhaupt. Pitt darf hier endlich einmal beweisen, dass er wirklich ein Schauspieler ist und nicht nur ein Filmbeau. Peter Beddies hat mit dem Star gesprochen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie sich den Rummel anschauen, der immer eintritt, wenn Brangelina auftreten, wünschen Sie sich da manchmal ein normaleres Leben?

Brad Pitt: Die Hoffnung habe ich aufgegeben.

Berliner Morgenpost: Ehrlich?

Brad Pitt: Was soll ich sagen? Unser Leben mag von außen spektakulär aussehen. Wir führen aber eigentlich ein vollkommen normales Leben. Letzten Endes bin ich ein Vater. Und habe alle Sorgen und Nöte, die alle Väter haben: Geht es den Kids gut? Haben sie alles, was sie brauchen? Verbringe ich genug Zeit mit ihnen? Die ganz normalen Sachen halt.

Berliner Morgenpost: Aus irgendeinem Grund denkt der große Teil der Menschheit, dass es bei Familien wie der Ihren luxuriös zugehen muss.

Brad Pitt: Das ist eine Frage der Definition. Fängt Luxus da an, dass wir mit unseren Kids um die ganze Welt reisen, dass sie schon von klein auf andere Kulturen kennen lernen? Wenn das Luxus ist, dann leben wir im Luxus. Aber der Alltag daheim sieht anders aus. Wir frühstücken wie alle anderen auch. Und zwar nicht von goldenen Löffeln. Die Pancakes fliegen schon mal durch die Gegend. Es herrscht Chaos wie bei jeder Familie. Der kleine Unterschied bei uns: Wir müssen aufpassen und unsere Kinder davor schützen, dass Paparazzi sie nicht ständig abschießen.

Berliner Morgenpost: Wie erklären sie Ihnen, was Sie beide tun? Und wie viele Filmschnipsel haben die Kids schon von Ihnen und Angelina gesehen?

Brad Pitt: Von meinen Filmen? Ich bitte Sie, das ist nun wirklich kein Kinderkram, was ich drehe. Ich glaube, nicht einmal Angelina hat alles gesehen, was ich gedreht habe. Lachen Sie nicht! Wir haben echt wenig Zeit. Tja, wie erklären wir unseren Kindern, was wir machen? Die Begriffe Film und Schauspieler haben sie natürlich schon mal gehört. Und "Kung Fu Panda", in dem Angelina die Tigerin spricht, haben sie auch schon gesehen. Aber für meine Filme sind sie noch zu klein.

Berliner Morgenpost: Spielt es trotzdem für Ihre Filmauswahl eine Rolle, dass Sie mehrfacher Vater sind?

Brad Pitt: Das hat in meinem Leben alles verändert. Alles, was ich jetzt mache, ordnet sich dem unter. Ich will auch weniger arbeiten als früher.

Berliner Morgenpost: Man hat sowieso das Gefühl, das Sie sich rar machen.

Brad Pitt: Warum soll ich denn in Filmen mitspielen, wenn ich nicht absolut überzeugt davon bin? Es spielt immer eine große Rolle, dass ich später mal meinen Kindern die Filme zeigen kann und die dann hoffentlich sagen: "Papa, wir sind stolz auf Dich."

Berliner Morgenpost: Stimmt es, dass Sie die Hauptrolle in "Tree of Life" eher per Zufall bekommen haben?

Brad Pitt: Ich würde gar nicht sagen, dass ich die Hauptrolle spiele. Wer den Film gesehen hat, wird wahrscheinlich nicht lange über mich nachdenken. Der Film stellt so viele Fragen, dass ich nicht im Fokus stehe. Die Kinder sind die Hauptdarsteller. Und sie spielen großartig. Aber es stimmt, eigentlich sollte ich meine Rolle nicht spielen.

Berliner Morgenpost: Erzählen Sie bitte.

Brad Pitt: Ich bin schon lange Fan von Terrence Malick. Seit ich seinen ersten Film gesehen habe, bin ich hingerissen von seiner Art, Dinge zu zeigen. Irgendwann fragte Terry, ob ich mit meiner Firma Plan B seinen neuen Film nicht produzieren wolle.

Berliner Morgenpost: Wie kam er auf die Idee?

Brad Pitt: Um ehrlich zu sein, habe ich ihn das nie gefragt. Aber er suchte wohl nach Menschen, die verstehen, was er da vorhat.

Berliner Morgenpost: Als Produzent müssen Sie wahnsinnig geworden sein, weil der Film nie fertig wurde.

Brad Pitt: Stimmt. Manchmal habe ich mich schon ein wenig gesorgt. Aber ich wusste ja, worauf ich mich da einlasse.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie zum ersten Mal eine Version des Films gesehen?

Brad Pitt: Das ist zwei Jahre her. Da war der Film noch vier Stunden lang. Dann kam eine dreistündige Version. Die nächste war zweieinhalb Stunden lang. Es hat eine Weile gedauert. Aber wenn man bedenkt, dass Terry bereits vor 30 Jahren das Projekt geplant hat, sind wir schnell gewesen.

Berliner Morgenpost: Und dann mussten Sie Heath Ledger ersetzen.

Brad Pitt: Ich werde jetzt keine Namen nennen. Aber es stimmt. Kurz vor Drehbeginn - etwas mehr als drei Jahre ist das her - musste der Hauptdarsteller ersetzt werden. Da Terry mit mir schon vor längerer Zeit darüber gesprochen hatte, etwas gemeinsam zu machen, fragte er mich schließlich, ob ich nicht die Hauptrolle spielen könnte.

Berliner Morgenpost: Wie sieht es denn aus auf einem Terrence-Malick-Set?

Brad Pitt: Ganz anders, als sich die meisten das vorstellen. Viele denken, dass es bei Dreharbeiten chaotisch zugeht. Bei Malick ist das völlig anders. Da sind immer nur so viele Menschen vor Ort, wie unbedingt nötig sind. Manchmal kann man die an einer Hand abzählen. Dann hält sich Terry nicht unbedingt ans Drehbuch. Er nutzt es als Grundlage. Er fängt an, mit den Kindern zu arbeiten, die generell kein Drehbuch bekommen. Sie suchen sich aus dem Schrank in der Ecke erst mal Sachen heraus, die sie tragen wollen. Dann spielen sie das, was sie mit Terry besprochen haben. Und wir Erwachsenen - sowohl die Schauspieler als auch der Kameramann - müssen dem Spiel der Kinder folgen.

Berliner Morgenpost: Das klingt anstrengend.

Brad Pitt: Ist es auch. Aber auch ungeheuer befreiend. Wann kann man sich schon mal so austoben? Sich selbst die Zeit geben, mit dem Projekt zu wachsen - ein Traum.

Berliner Morgenpost: Der Vater, den Sie hier spielen, hat der irgendwelche Wurzeln in Ihrer Familie?

Brad Pitt: Nein, zum Glück nicht. Mein Vater war verständnisvoll, hat mir alle Freiheiten gegeben, die ich gebraucht habe. Ohne ihn würde ich heute nicht hier stehen. Dieser Mr. O'Brien, den ich hier spiele, hat ein großes Problem. Er fühlt sich unsicher im Leben und gibt diese Unsicherheit ausgerechnet an seine Kinder weiter.

Berliner Morgenpost: Das Tragische ist, dass er nicht erkennt, dass er von seinen Söhnen lernen könnte.

Brad Pitt: Genau. Ein Vater, den es vielleicht so in den 50er Jahren, in denen der Film spielt, gegeben hat - ein Produkt seiner Zeit. Eigentlich wirkt er wie einer, der keine Kinder hat oder ungern Vater ist. Ich höre viel auf meine Kinder. Vielleicht kann ich mehr von ihnen lernen als sie von mir.

Berliner Morgenpost: Da Sie gerade die Zeit ansprechen.

Brad Pitt: Nun bin ich aber mal gespannt.

Berliner Morgenpost: Sie gehen auf die 50 zu, kleiden sich aber immer noch wie ein junger Mann.

Brad Pitt: Ich habe da mal einen schönen Satz gehört, den ich jetzt gern bei jeder Gelegenheit bringe: "Ich tausche jeden Tag Jugend gegen Weisheit ein". Finde ich toll. Wenn man Kinder hat und sieht, wie die Zeit voranschreitet. Wie sie immer größer und größer werden, da kann man sich doch nicht darüber beklagen, dass man älter wird. Das gehört einfach dazu. Außerdem ist es schön, sich auch mal zurückzulehnen und zu schauen, wie die junge Generation von Schauspielern irgendwas versaut.